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Zwiebeln aus Europa bringen mich zum Weinen

Zwiebeln aus Europa bringen mich zum Weinen

Seit März letzten Jahres hat es in Äthiopien kaum geregnet. Da es an Wasser und Lebensmitteln mangelt, kämpfen derzeit über 10 Millionen Menschen um ihr Leben1). So steht es in den Medien. Und das obwohl die Wirtschaft des Landes zuletzt eine zweistellige Wachstumsrate vorweisen konnte. Mitverursacht hat die schlimmste Trockenperiode seit mehr als 50 Jahren das Wetterphänomen El Niño. Die zunehmende Wasserknappheit könne zu weiteren Flüchtlingsströmen beitragen, führt der niederländische Wissenschaftler Arjen Hoekstra von der Universität Twente in einer unlängst veröffentlichten Studie an2). Laut Hoekstra leiden aktuell rund 4 Milliarden Personen, das heißt mehr als die Hälfte der Menschheit, unter Wassermangel, der zumindest in einem Monat pro Jahr auftritt. Zusammen mit politischen und religiösen Konflikten bildet die Wasserknappheit eine fatale Kombination und trägt erheblich zum Entstehen von Armut bei. Ein düsteres Bild – ein verdorrtes Szenario für unseren Planeten und unsere Zivilisation…

Das Wetterphänomen El Niño gilt als Folge des Klimawandels, der uns Dürren und Hitzeperioden auf der einen Seite und verheerende Überschwemmungen auf der anderen Seite des Erdballs beschert. Der jüngste Klimagipfel in Paris birgt nur schwache Hoffnung auf Besserung. Die mehr oder weniger engagierten Bemühungen der Industrieländer, den Klimawandel einzudämmen, sind für viele nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Genauso wie die Ambitionen, dem globalen Süden aus öffentlichen Töpfen für Entwicklungshilfe und dank der Großzügigkeit vieler Spendenfreudiger wirtschaftlich auf die Beine zu helfen… Ist die sogenannte Entwicklungshilfe wirklich erfolgsversprechend? Werden Gelder effizient eingesetzt und wird auf Nachhaltigkeit geschaut? Kommen meine 50 Euro, die ich jährlich zu Weihnachten für humanitäre Organisationen spende, auch wirklich dort an, wo die Ärmsten der Armen einen Brunnen bauen möchten?

 

Moderner Imperialismus

Die Geschichte der Entwicklungshilfe hat ihre Wurzeln zweifellos im Kolonialismus. Bereits in den 1920er-Jahren haben die beiden Großmächte Frankreich und England den Entwicklungsbegriff zur Legitimation ihrer wirtschaftlichen Aktivitäten in Afrika und Asien verwendet. Wiener Forscher fanden in offiziellen Dokumente und Berichten3) aus der Frühzeit der Entwicklungshilfe zahlreiche Hinweise auf Rassismus und Paternalismus. Zu Recht darf man an ausbeuterische Absichten der Kolonialmächte glauben. Auch ehrliches, humanitäres Engagement mancher Kolonialbeamter und Missionare ist belegt. Ob das Gutgemeinte letztlich auch für die Kolonialisierten immer gut war, muss erst erforscht werden.

Was passiert mit dem Geld? Die Europäische Kommission hatte das Jahr 2015 zum „Jahr der Entwicklung“ ausgerufen. Zeitgleich endete auch 2015 die Ära der Millennium Entwicklungsziele, die zur Jahrtausendwende von den Vereinten Nationen unter Kofi Annan beschlossen wurden. Was wurde erreicht und welche neuen Herausforderungen gilt es zu meistern? Die beiden österreichischen Experten Friedbert Ottacher und Thomas Vogel ziehen eine durchwachsene Bilanz und lassen trotzdem hoffen…

 

UN-Millennium Entwicklungsziele 2000-2015 erreicht?

Eines sei vorweggenommen: das große Ziel, den weltweiten Anteil der Menschen, die mit weniger als 1,25 US-Dollar am Tag auskommen müssen, um 50% zu verringern, wurde tatsächlich erreicht. Doch dies sicherlich nicht nur aufgrund effizienter Entwicklungshilfe. Die Halbierung des Anteils an Hungerleidenden wurde in Teilen Asiens, aber nicht in Afrika südlich der Sahara geschafft. Die größten Erfolge in Afrika sind zweifelsohne bei den Einschulungsraten zu orten, wurden doch im Jahr 2014 bereits 4 von 5 Kindern eingeschult. Als gutes Signal gilt auch der hohe Anteil der Mädchen in der Grundschule, der in fast allen afrikanischen Ländern bei fast 50% liegt. Beim Ziel HIV, Malaria und Tuberkulose zu bekämpfen, wurden Millionen von Leben nachweislich gerettet. Weitere Fortschritte sind auch die signifikanten Rückgänge bei der Kinder- und der Müttersterblichkeit. Die Ergebnisse liegen dennoch unter den Erwartungen. Gänzlich traurig schaut es für das Ziel, die ökologische Nachhaltigkeit zu sichern, aus. Hier jagt eine Hiobsbotschaft die andere. Die Weltgemeinschaft ist daran gescheitert, den Kohlendioxid-Ausstoß zu reduzieren und dem Artensterben Einhalt zu gebieten.4)

 

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Die Zwiebel aus Europa und Perspektiven in der Entwicklungszusammenarbeit

Über einen modernen Imperialismus kann man diskutieren. Erfreulich ist, dass sich in der Entwicklungszusammenarbeit über die letzten Jahrzehnte Standards bezüglich partnerschaftlichem Verhalten „auf Augenhöhe“ etabliert haben. Nicht umsonst ist Selbstverantwortlichkeit das erste Prinzip der sogenannten Pariser Erklärung5), die die internationale Entwicklungszusammenarbeit neu definieren sollte. Im Jahr 2005 läutete eine Konferenz in Paris, an der die Vereinten Nationen, die Geber- und Empfängerländer, die Weltbank und der Währungsfonds teilnahmen, eine neue Ära in der Entwicklungspolitik ein. Selbstverantwortung der Entwicklungsländer, Harmonisierung von Förderbestimmungen, eine adäquate Anpassung an die Systeme der Partnerländer, gegenseitige Rechenschaftspflicht und Ergebnisorientierung gelten als die fünf Prinzipien, die Augenhöhe zwischen Geber und Empfänger schaffen. Diese Prinzipien sollen die Wirksamkeit der Entwicklungszusammenarbeit garantieren und den „state-of-the-art“ bestimmen. Und immerhin! Der Anteil an ExpertInnen, die selbst aus dem globalen Süden kommen, nimmt mittlerweile kontinuierlich zu. Auch wird immer mehr Entscheidungskompetenz in die Empfängerländer verlegt. Es steht jedoch außer Frage, dass die Entwicklung eines Landes von der internationalen Agrar- und Handelspolitik maßgeblich beeinflusst wird. Dem Fließen von Entwicklungsfördergeldern steht ein fehlender Zugang zum europäischen Agrarmarkt gegenüber. Es ist bekannt, dass Kleinbauern in Westafrika Entwicklungsgelder zum Anbau von Zwiebeln für den lokalen Markt erhalten, und gleichzeitig überschwemmen billige Zwiebeln aus Europa Afrika. Exportförderungen der EU machen sämtliche Bemühungen wieder zunichte. Da darf man sich schon einmal wundern, ob das ganze Ding, das wir freundlich „Entwicklungszusammenarbeit“ nennen, auch durchdacht ist?!

Trotz aller Baustellen ist Entwicklungszusammenarbeit unabdingbar und gleicht eher einem Fluss als einem Tropfen auf dem heißen Stein. In unserer zunehmend globalisierten Welt gibt es kaum mehr Probleme, die Nationalstaaten alleine lösen können. Die Liste an Herausforderungen wie der Klimawandel, religiöser Fundamentalismus, das Fortschreiten der Wüstenbildung und länderübergreifende Epidemien machen eine gemeinsame Verständigung, Planung und Umsetzung von Strategien zwischen den Kulturen mehr als erforderlich. Migrationsströme sind auch eine Reaktion auf eine verfehlte Entwicklungszusammenarbeit. Es fehlt eine Gesamtschau. Doch in Zeiten der Hochspezialisierung und der Klientelpolitik ist das natürlich nicht so leicht. Auf die Politik schimpfen ist auch keine Lösung. Ziviles Engagement ist erlaubt! Sicherlich werden meine 50 Euro den Hunger in der Welt nicht abschaffen können, doch jeder Mensch ist ein soziales Wesen und hat Werte, die gelebt werden wollen. Was mich betrifft, so wünsche ich mir mehr Menschlichkeit und mehr soziale Gerechtigkeit in dieser Welt… Und wie heißt doch dieser schöne Spruch von Mahatma Gandhi? Wir müssen der Wandel sein, den wir in der Welt zu sehen wünschen…

 

Quellen:

1) Zeit online, 16. Mai 2016

2) Der Standard, 20./21. Februar 2016, S. 3

3) Der Standard, 13. Jänner 2016, S. 16: Developing Africa. Concepts and Practices in Twentieth-Century Colonialism (Studie der Universität Wien gefördert vom FWF unter der Leitung der Historiker Walter Schicho, Gerald Hödl u.a.)

4) Entwicklungszusammenarbeit im Umbruch, Friedbert Ottacher und Thomas Vogel, Brandes & Apsel Verlag, Frankfurt am Main 2015, S. 46 und S. 123

5) s.o., S. 52 f und S. 117

Eva Draxler

Eva Restlos verträumte Luftschloss-Expertin, ungeerdet aber doch mit einer Hands-on Mentalität aus dem südlichen Waldviertel. Liebt, wie könnte es anders sein, Mohn in allen Variationen. Und Gedichte! Sie ist leidenschaftliche Schauspielerin, Yogalehrerin und geht am liebsten mit ihrem praktisch-romantischen Vintage-Kleid aus Brooklyn durchs Wiener Stadtleben.


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