Letzte Ausgabe: Arbeiten
Wie es stimmig wurde

Wie es stimmig wurde

Auf einem Sommerfest. Zu sechst hocken wir Geschichtenerzählerinnen und -erzähler auf bequemen Pölstern im großen Festzelt. Vor uns auf weichen Teppichen rund zwei Dutzend Zuhörer aller Altersstufen. Mein Kollege beendet eine witzige Geschichte im Mühlviertler Dialekt. Dann bin ich an der Reihe – und lege in breitem Wienerisch los: „Es woa amoi …“. Da schlägt sich ein etwa achtjähriger Bub auf die Stirn und ruft verzweifelt aus: „Oh nein, nicht schon wieder auf Englisch!“

Die meisten Kinder, die uns Erzählern zuhören, wachsen mit Fernseh-Hochdeutsch auf, und regionale Dialekte klingen in ihren Ohren oft wie eine Fremdsprache. Deshalb bieten viele Erzählerinnen ihre Geschichten von vornherein auf Hochdeutsch dar – einfach aus Sorge, schlecht verstanden zu werden. Ich teile diese Sorge längst nicht mehr.

Als ich vor Jahrzehnten frei mündlich zu erzählen beginne, verschwende ich keinen Gedanken an die Erzählsprache. Unbekümmert verwende ich meine Umgangssprache. Viel später erst, als ich zu Festivals eingeladen werde, fange ich an zu zweifeln. Ich beobachte andere Erzähler, unterhalte mich mit Veranstaltern – und komme zu dem (irrigen) Schluss, dass ich auf Hochdeutsch mithalten muss. Das fällt mir keineswegs schwer, es spürt sich nur irgendwie seltsam an. Doch als ich bald darauf das wohlklingende Deutsch der Gebrüder Grimm für mich entdecke, lasse ich jeden Zweifel sausen – und lerne sogar einige ihrer Märchen auswendig.

In der Folge erfülle ich oftmals, etwa bei Geburtstagsfesten, Herzenswünsche – und spreche die wallenden Satzkaskaden der Grimms über manch prasselndes Lagerfeuer hinweg. Ich erzähle „textgebunden“, ohne, dass es wie Rezitation klingt. Denn ich bin mit dem Text so verwachsen, dass die Zuhörerinnen und ich die Bilder einer gemeinsamen Phantasie teilen. Eines stört mich dennoch: der Ton! Ich spüre, dass ich zwar „ankomme“, aber nicht authentisch bin.

Ich bleibe vorerst beim Hochdeutsch, erzähle jedoch meist frei, ohne mich an geschriebene Texte zu halten. Mit der Zeit aber merke ich, dass ich mich beim Erzählen zunehmend von meiner alltäglichen Sprechstimme entferne und einen mir fremden Ton anschlage. Meine Erzählstimme wird immer höher und lauter. Noch dazu forme ich die Sätze in einem mir fremden Rhythmus, der mich dazu verleitet, unnatürlich zu atmen. Nach Erzählauftritten bin ich deshalb oft heiser, manchmal sogar stimmlos.

 

Wirklich berühren

Bis ich eines Abends mit einer Kollegin auf einer Kleinbühne ein Erzählprogramm mit „Ali Baba und den 40 Räubern“ aufführe. Wir haben zwei Musiker und eine Bauchtänzerin dabei. Das vielköpfige Publikum nimmt die orientalische Geschichte gerade mal „wohlwollend“ auf. Ich aber stehe draußen am Bühnenrand und weiß, dass ich mit meiner Darbietung niemanden wirklich berühre.

Während meine Kollegin ihren Part erzählt, überlege ich, was hier vor sich geht? Bis mir schlagartig klar wird: Wenn ich berühren will, muss ich authentisch sein. Das bedeutet auch, dass ich in meiner mir eigenen Sprache mit meinem mir eigenen Ton erzählen muss. In der selben Sekunde beschließe ich: Ab nun erzähle ich nur mehr in meinem Dialekt mit seinen üppigen, kräftigen Bildern, die so viele Nuancen bieten – von brachialer Rohheit bis zur zarten Poesie.

Als ich in den folgenden Wochen mein „Sprachprogramm“ umsetze, erkenne ich, dass umso mehr Arbeit nötig ist, je einfacher und ungekünstelter der Ton wirken soll. Ich nehme meine Geschichten auf Spaziergänge mit und erzähle sie mir im Gehen wieder und wieder. So formen sich Bilder, Worte finden ihren Platz, der Ton passt sich der Geschichte an. Das ist mühsam. Doch ab nun werde ich oft mit einer kostbaren Erfahrung belohnt. Sie besteht aus dem Moment, in dem sich eine Geschichte nach zig Wiederholungen plötzlich „stimmig“ anfühlt.

 

An jenem Ali-Baba-Abend bringe ich meine letzten hochdeutschen Beiträge noch hinter mich. Seither erzähle ich ausschließlich im Wiener Dialekt. Dank der Intensität meiner Sprache und der Eindringlichkeit ihres Tons werde ich überall verstanden … wirklich verstanden!

 

 

Paul Daniel

Paul Paul Daniel ist Märchen- und Geschichtenerzähler, leidenschaftlicher Schreiber und passionierter Krimileser sowie überzeugter Müßiggänger und Genießer. Hat das "Geradeausschauen" zur Kunst erhoben. Hin- und hergerissen zwischen Bibliomanie und Naturbegeisterung führt ihn mancher Weg aus der Bibliothek in den Wald – und umgekehrt. Ist mehr Kopfarbeiter als Handwerker. Es sei denn, er rettet als Hobbybuchbinder alte Bücher oder bindet aus Second-Hand-Wälzern First-Class-Notizbücher.


« Vorheriger Beitrag
Nächster Beitrag »

Sopha verwendet Cookies. Durch die weitere Benützung unserer Seite stimmst du dem zu. Mehr Infos

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close