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Wenn die Uhr tickt … oder eben nicht.

Wenn die Uhr tickt … oder eben nicht.

Beim 90er der Oma war es soweit. „Naaa, wie schaut’s denn bei euch aus mit der Familienplanung? Du weißt schon, tick tack!“. Omas nicht allzu dezenter Hinweis auf meine tickende biologische Uhr – wohlgemerkt: Ich bin 28 – wird mit einem Lächeln und einem „Wir lassen uns noch Zeit“ bedacht.

Omas dürfen das. Aber wieso machen sich rund um einen herum so viele Menschen Gedanken darum, ob man Kinder bekommt, ob man sie jetzt will oder später oder vielleicht gar nicht? Eltern versuchen geradezu, einem Kinder einzureden und man hat manchmal das Gefühl, in den verschleierten und von dunklen Ringen verzierten Augen ein Aufblitzen zu sehen: „Bald wirst du eine von uns!“ Bewusst kinderlose Paare und Singles sind entrüstet, wenn man von Kindern erzählt und sie scheinen zu befürchten, dass ihnen ein weiteres Paar des Bekanntenkreises in die Welt der Windeln, Kinderwagen und Schnuller entflieht.

Doch nicht nur Familien und Bekannte spielen eine Rolle bei der Frage, ob die Zeit reif ist für den Nachwuchs. Gibt es die „richtige Zeit“ überhaupt? Heutzutage ist es kein Thema mehr, dass Frauen eine Ausbildung machen können, selbst Karriere machen und ihr Leben nicht nur an der Seite eines Mannes leben müssen. Das ist gut so, unsere Vorfahren haben lange dafür gekämpft. Trotzdem ist es meist die Frau, die ihre Karriere für ein Kind opfert und sich überlegen muss, wann man zu jung für ein Kind ist und wann zu alt. Der Bereich dazwischen ist winzig.
Für Männer ist die Zeitspanne etwas größer, schon von einem medizinischen Standpunkt aus gesehen. Aber auch sie plagt die Frage, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist.

Ab einem gewissen Alter kriegen fast alle Kinder. Als kinderloser Mensch wird man zunehmend schief angeschaut: „Willst du nicht langsam mal loslegen?“ Endgültig entgeisterte Blicke erntet man, wenn man entgegnet, keine Kinder zu wollen. Doch ist es wirklich „notwendig“, sich fortzupflanzen? Wieso soll die persönliche Entscheidung, lieber alleine oder zu zweit bleiben zu wollen, eigentlich schlecht sein?

Ist ein Kinderwunsch da, beginnt eine intensive Zeit. Bei manchen scheint es zu reichen, die Unterhosen in denselben Wäschekorb zu werfen, wie meine Nachbarin zu sagen pflegt. Ein Schuss, ein Treffer. Doch nach einigen Monaten und vor allem mit höherem Alter beginnt das Nagen der Gedanken und Zweifel. Müssen wir jetzt schon etwas unternehmen? Wo ist die Balance dazwischen, sich zu entspannen und keine Gelegenheit zu versäumen, bis die Uhr abläuft? Rundherum hört man die wenig hilfreichen Tipps, sich einfach keinen Kopf zu machen. Gleichzeitig hat man Angst, dass man noch Jahre entfernt ist vom Ziel, endlich ein Kind zu bekommen, und die Gelegenheit versäumt, medizinisch noch etwas zu unternehmen.

 


 

 

Zu diesem großen Thema möchten wir Leser und Leserinnen zu Wort kommen lassen und sie lassen uns teilhaben an ihrer momentanen Situation. Der Wunsch, dies unter einem Pseudonym zu tun, zeigt uns, wie intim und höchstpersönlich diese Gedanken sind. So intim, dass manche sie nicht einmal mit ihrem Partner oder der besten Freundin besprechen.

 

Tanja, 32:
Wir leben in einer wirklich modernen Beziehung. Mein Freund wäscht seine Wäsche selbst, weil ich das nicht gerne tue. Beim Kochen und Putzen wechseln wir uns ab. Als ich schwanger wurde, haben wir wirklich lange überlegt, wie wir die Kinderbetreuungszeit gestalten, weil wir eigentlich nicht die klassische Rollenverteilung haben wollten. Im Endeffekt haben wir uns doch dafür entschieden, dass er nicht in Karenz geht, da er mehr verdient und sonst kaum mehr Chancen auf eine Beförderung hätte. Unsere Kleine ist nun zwei Jahre alt und ich muss mir überlegen, wie der Einstieg in die Karriere wieder gelingt. Meine alte Firma gibt es nicht mehr und ich suche nun seit Monaten einen Job. Von Karriere ist eigentlich gar keine Rede mehr, ich bin froh, wenn ich einen Job mit 1000 € netto für 30 Stunden bekomme und habe gleichzeitig ein schlechtes Gewissen, mein Kind für 30 Stunden die Woche „abzugeben“. Ich liebe meine Tochter, aber manchmal frage ich mich, ob es der richtige Zeitpunkt war.

Anna, 29:

Vor eineinhalb Jahren haben wir begonnen, uns „ganz entspannt“ auf den Weg zum Kind zu machen. Die Realität sieht so aus, dass ich nach ein paar Monaten kribbelig wurde und das Gefühl hatte, etwas unternehmen zu müssen. Jeder Monat, in dem es nicht hingehauen hat, schlägt sich irgendwie auf einer Zeitrechnung im Kopf nieder, die man einfach nicht abstellen kann. Kurz bevor das erste Jahr um war, hatten wir ihn endlich – den positiven Schwangerschaftstest. Doch die Freude währte nicht einmal zwei Tage lang. Der Test beim Arzt war schwach, das Schwangerschaftshormon sank wieder – ein sehr früher Abgang oder auch „chemische Schwangerschaft“ genannt.
Spätestens von dem Zeitpunkt an fing auch mein Freund an, einen wirklich starken Kinderwunsch zu entwickeln. Im Moment bemühen wir uns sehr um Entspannung, in Wahrheit fühlen wir uns aber immer frustrierter, während rund um uns Leute, die nach uns „begonnen“ haben, ihre Kinder bekommen.

Stefan, 35:

In Österreich ist eine „echte“ Heirat zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern noch immer nicht erlaubt, während andere Länder da schon viel weiter sind. Umso überraschender war die Nachricht, dass ab 2016 die Adoption von Kindern durch homosexuelle Paare erlaubt wird. Mein Partner und ich haben uns nie Gedanken darüber gemacht, ob wir Kinder wollen, weil es einfach in weiter Ferne war. Nun ist es doch Thema. Er ist 37, ich 35 – wir müssen uns überlegen, ob wir uns bald dazu entscheiden. Irgendwie fände ich es aber auch blöd, wenn die Entscheidung für den richtigen Zeitpunkt so beeinflusst von der Gesetzgebung wird. Dieses Thema wird uns in den nächsten Monaten sicherlich noch beschäftigen.

Sarah, 35

Irgendwie war immer klar, dass ich irgendwann zumindest ein Kind bekommen werde, weil das halt dazu gehört. Aber ich hab das Thema immer aufgeschoben, hab immer gemeint, dass JETZT nicht der richtige Zeitpunkt ist, dass es JETZT noch nicht passt für mich. Dann hab ich gemerkt, dass es sich nicht so anfühlt, als würde sich das je ändern. Ich mag Kinder wirklich sehr, bin in einer sehr großen Familie aufgewachsen und war immer von Kindern umgeben, befasse mich auch im Job mit jungen Menschen, aber ich hab kein Bedürfnis nach einem eigenen Kind. Das konnte ich lange Zeit selbst nicht glauben oder akzeptieren, aber es ist so.

Als ich aufgrund einer Erkrankung damit konfrontiert wurde, lange Zeit kein Kind bekommen zu können, vielleicht nie eines zu haben, weil auch meine biologische Uhr tickt, wollte ich plötzlich partout eines. Da bin ich dann sehr in mich gegangen und hab hinterfragt, warum. Es war nicht das Kind, das ich unbedingt wollte, sondern die Freiheit, mich selbst dafür oder dagegen zu entscheiden und das nicht eine Krankheit für mich machen zu lassen.

Im Moment hab ich das Gefühl, mein ganzes Umfeld kriegt Kinder, wohin ich schaue, dann tut mir das kurz weh, weil ich das nicht erleben kann, aber auch da ist es nicht der Wunsch nach einem Kind, sondern nach der Normalität, die das beinhaltet, die mir meine Krankheit in anderen Bereichen meines Lebens genommen hat und die ich mir sehr oft wünsche.

Oder ich rede mir das alles ein, damit ich nicht darunter leide, kein Kind zu haben. Auch das schließe ich nicht ganz aus. Es ist ein diffuses und kompliziertes Thema für mich. Vielleicht werden mein Freund und ich ein Pflegekind aufnehmen, ein Kind adoptieren oder sogar noch selbst eines bekommen, oder alles davon erleben, wer weiß?

Bernhard, 39:

Ich wollte nie Kinder haben. Die Vorstellung, meinen Tagesablauf jahrelang nach den Bedürfnissen eines plärrenden, klebrigen Schreihalses ausrichten zu müssen, ist mir ein Graus. Zugegeben, es ist schon mal nett, die Kleinen im Familien- oder Freundeskreis zu sehen, aber spätestens nach einer halben Stunde reicht’s mir wieder, und zwar für mehrere Monate. Ich hasse es, kein anständiges Gespräch mit einem Erwachsenen mehr führen zu können, ohne alle paar Minuten dabei unterbrochen zu werden, weil der Gesprächspartner aufspringen muss, um sich um das Kind zu kümmern – abgesehen davon, dass sich das Gespräch sowieso um nichts anderes mehr zu drehen scheint. Mit dieser Meinung halte ich auch nicht hinterm Berg, wenn ich darauf angesprochen werde. Zumeist werde ich dann entweder angesehen wie ein Psychopath („Aber man muss kleine Kinder doch mögen, die sind doch sooo süß!“) oder mild-arrogant belächelt („Hachja. Wirst sehen, das kommt schon noch. Und bei den eigenen Kindern ist das sowieso gaaanz anders.“). Es wäre schön, mit meiner Einstellung einfach respektiert zu sein, anstatt regelmäßig mit fast schon religiösem Eifer zum Kinderkriegen missioniert zu werden.

Marion, 39:

Über 2 Jahre habe ich mit meinem Mann daran gearbeitet schwanger zu werden. Die Ernährung und Bewegung habe ich darauf abgestimmt und darauf geachtet mein Leben nicht allzu hektisch zu gestalten. Eine TCM-Ärztin hat mir für jeden Zyklus spezielle Granulate verschrieben und mich an den richtigen Stellen akupunktiert. Jeden Morgen zur selben Zeit habe ich meine Basaltemperatur gemessen und in den Bestzeiten mittels „Clear Blue Eisprungtester“ den „perfekten“ Zeitpunkt berechnet.

Der Sex war punktuell, die Erotik blieb meist auf der Strecke. Ein sexuelles Hoch rund um die Eisprungzeit und dann das große Warten. Und Monat für Monat, dieselbe Enttäuschung. Die Brust schwillt an, die Regel kommt und wieder war alles umsonst.

Ist das Kinderplanung 2.0? Wo bleibt der Spaß? Wo bleibt die Erotik? Wo bleibt die Leidenschaft in diesem ganz besonderen Moment vielleicht ein Kind zu zeugen?

Die Uhr tickt im Hintergrund weiter, mit jedem Monat, mit jedem Tag.

Die Kinderplanung haben wir zurzeit auf Eis gelegt, die Leidenschaft, der Sex ohne Kopfarbeit kommt wieder zurück, der Wunsch, schwanger zu werden bleibt.

 

Juliane Brantner

Juliane Leidenschaft hat für sie auch mit Leiden zu tun: Am tagesaktuellen Ausmaß ihrer Augenringe erkennt man, wie lange sie nachts ihren Vorlieben gefrönt hat. Sich Wissen anzueignen und selbst Dinge beizubringen, ist eines ihrer liebsten Hobbys. Dabei ist ihr egal, ob es um Kleinigkeiten geht oder um Wissen, das sie für ihren Beruf braucht. Ihre guilty pleasures erfüllen sie längst nicht mehr mit Schuldgefühlen. Kann sie dann noch regelmäßig auf der Bühne oder in einem Proberaum singen, ist sie einfach glücklich.


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