Letzte Ausgabe: Arbeiten
Wasser für Wien

Wasser für Wien

Die Milch kommt aus dem Packerl, der Strom aus der Steckdose und das Wasser aus der Wasserleitung – manche Kinder (und sogar Erwachsene) hinterfragen kaum mehr, woher viele unserer lebensnotwendigen und heute so selbstverständlichen Dinge tatsächlich kommen. Eines davon ist das Wasser in Wien: es ist vielgepriesen und das zu Recht. Grund genug, dem Wiener Wasser ‚per pedes‘ zum alpinen Ursprung zu folgen und historische Meilensteine in der Wiener Wasserversorgung unter die Lupe zu nehmen.

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Wiener Wasserleitungsweg

Nachdem ich mich beruflich intensiver mit der (historischen) Wasserversorgung in Wien beschäftigt hatte, wollte ich mit eigenen Augen sehen und erleben woher „unser“ Wasser kommt. Also schnürte ich die Wanderschuhe und machte mich auf zum „1. Wiener Wasserleitungsweg“. Seit fast 20 Jahren gibt es diese ausgeschilderte Wanderung, die teilweise entlang der 1. Wiener Hochquellenleitung vom niederösterreichischen Kaiserbrunn bis Gloggnitz und von Bad Vöslau nach Mödling führt. Will man die ganze Strecke abwandern, sind am besten zwei Tage einzuplanen. Der erste Abschnitt (Kaiserbrunn bis Gloggnitz) dauert circa fünf Stunden, der zweite Teil etwa vier Stunden. Ich entschied mich für eine Teilstrecke von Reichenau an der Rax bis zur Quelle in Kaiserbrunn und wieder retour. Insgesamt ergibt dies eine vierstündige Wanderung, die entlang der Schwarza zuerst auf ebenen Fußgänger/Radfahrer-Wegen und ab Hirschwang als „alpine Steiganlage“ (feste Schuhe!) auf und ab durch das bewaldete, wildromantische Höllental entlang des kristallklaren Gebirgsbaches führt. Ein Muss im Hochsommer: die belebende Kraft und das Prickeln des eiskalten Schwarza-Wassers in den Füßen spüren! Eine weitere Belohnung sind die spektakulären Ausblicke auf die Rax-Schneeberg-Gruppe.

 

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Alpines Quellwasser für die Metropole

Gemeinsam mit der Schneealpe befindet sich hier heute das Quellgebiet der I. Wiener Hochquellenleitung. Der Bau der Leitung wurde 1864 vom Wiener Gemeinderat beschlossen. Die Abstimmung war so wichtig, dass sich ein gebrechlicher Gemeinderat sogar in den Sitzungssaal tragen ließ, wie ich im Wasserleitungsmuseum in Kaiserbrunn erfahren konnte. Bis dahin war die schlechte Trinkwasserversorgung in Wien für Typhus- und Choleraepidemien verantwortlich. Die rasant wachsende Stadt benötigte dringend ausreichend sauberes Wasser. Gebaut wurde dann erst 1869, und 1873 wurde die Leitung in Betrieb genommen. Der Hochstrahlbrunnen am Schwarzenbergplatz in Wien erinnert an dieses Ereignis. Heute fließt das Quellwasser in der I. Wiener Hochquellenleitung auf einer Strecke von 150 Kilometern nach Wien und versorgt dort tiefer liegende Bezirke auf beiden Seiten der Donau. Die restlichen Bezirke werden von der II. Wiener Hochquellenleitung bedient, die 1910 nach zehnjähriger Bauzeit in Betrieb genommen wurde und Wasser aus dem Hochschwabgebiet in die Stadt leitet. Beide Male gab Kaiser Franz Joseph den offiziellen Startschuss für eine jeweils neue Ära der städtischen Wasserversorgung. Ebenfalls bei einem festlichen Anlass – bei der Eröffnung der Ringstraße 1865 – schenkte er der Stadt den sogenannten Kaiserbrunnen.

 

An der Quelle die Offenbarung

Dort bin ich schließlich angekommen: im Wasserschloss Kaiserbrunnquelle, ein solider Steinbau mit einem Speicherbecken, durchzogen von hohen Arkaden. Ich blicke auf das schwach Türkis gefärbte, aber glasklare Wasser und mir wird mit einem Schlag klar, welche Kostbarkeit hier eingefasst ist. Andere Großstädte müssen aufwändig Grund- oder sogar Oberflächenwasser (von Flüssen und Seen) filtern, reinigen und anreichern, um es trinkbar zu machen. Für uns erledigt das der Berg, durch dessen Hohlräume das Regenwasser fließt und woraus es als Quellen wieder hervortritt. In den Quellschutzgebieten im Gebirge gibt es strenge Regeln was Alm- und Forstwirtschaft oder den Tourismus angeht. All das, damit wir gesundes und sauberes Wasser trinken können. Aber wieviel davon trinken wir eigentlich wirklich? Wiener Wasser gibt Auskunft: im Durchschnitt verbraucht jeder Einwohner und jede Einwohnerin Wiens täglich 130 Liter Wasser, und so sieht die Verteilung aus:

44 l: Duschen, Baden
40 l: WC-Spülung
15 l: Wäschewaschen
9 l: Körperpflege
8 l: Putzen
6 l: Geschirrspülen
5 l: Gartenbewässerung

…und nur 3 Liter für Trinken und Kochen!

Stollen und Rohre für ungehindertes Fließen

Am Weg zurück Richtung Reichenau bin ich fest entschlossen, meinen Wasserverbrauch genauer zu beobachten, die Waschmaschine nur voll beladen einzuschalten, Vollbäder bleiben zu lassen und am WC nur den Kurzspülknopf zu betätigen. Entlang der Route fallen mir nun auch immer mehr die halbrunden Erhebungen des Bodens auf. Gleich unter der Oberfläche befinden sich die gemauerten Stollen, in denen das Wasser stetig bergab Richtung Wien fließt (ohne Pumpen!) und wo aufrechtes Stehen unmöglich ist. Daher wurden vor einiger Zeit auch kleine elektrische Tunnelwägelchen für die technische Inspektion gebaut, um die körperlich anstrengende Kontrolle und Wartung der Hochquellenleitung rückenschonender durchzuführen. Im Wasserleitungsmuseum Kaiserbrunn kann man selbst durch einen solchen nachgebauten Stollen gehen.

Wieder in Wien sinniere ich über die vielen Rohre, die unterirdisch in der Stadt verlaufen und jedes Haus mit frischem Quellwasser versorgen. Nochmal kurz Wiener Wasser zu Rate gezogen: das Rohrleitungsnetz in Wien ist ungefähr 3.000 Kilometer lang. Das wäre in Straßenkilometern gemessen die Distanz von Wien nach Sagres in Portugal oder von Wien nach Damaskus in Syrien. Meine Gedanken wandern an diese fernen Orte – da wird die Selbstverständlichkeit, mit der wir Wienbewohner täglich den Wasserhahn aufdrehen und bestes Quellwasser erhalten, zur einzigartigen Besonderheit. Und mein Bezug zum lebensnotwendigen Element Wasser ist nach der Wanderung zum Ursprung um ein vielfaches ehrfürchtiger, demütiger.

Irmi Mac Guire

Irmi Mac Guire Gräbt neugierig in Kulturgeschichte, Sprache & Literatur, Film, Theater & Musik nach Erkenntnissen über menschliches Dasein. Als gebürtige Salzburgerin mit allerhand anderen Wurzeln lebt sie in Wien und ist mit einem Iren verbandelt. „Think outside the box!“ ist ihr Lebensmotto - außer vielleicht beim Kochen. Da verwöhnt sie schon mal ihre Freunde tieftraditionell mit flaumig-süßen Salzburger Nockerl, streng nach Oma’s Rezept…


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