Letzte Ausgabe: Arbeiten
Vaterfreuden oder „Meine Zeit mit Mira“

Vaterfreuden oder „Meine Zeit mit Mira“

Zeit ist für unseren Redakteur Tali nicht mehr relativ, sondern absolut – und zwar absolut nicht vorhanden. Dies ist seine Geschichte über eine zeitlose Zeit.

Tali

Von: Tali Tormoche
Gesendet: Freitag, 23. Oktober 2015 18:19
Betreff: sopha Ausgabe Zeit

Liebes sopha-Redaktionsteam,

ich komme gleich zur Sache: Es tut mir leid, dass ich so kurzfristig absagen muss. Ich weiß heute ist Abgabetermin, aber ich hatte wirklich keine Zeit, meine Geschichte zu schreiben. Es hätte ja der Einblick in die Welt eines Neo-Papas werden sollen. Es war wie verhext: Jeden Tag, seit ich euch die Story zusagte, ging es dermaßen rund, dass ich nie die Muße hatte, mich hinzusetzen und die Geschichte niederzuschreiben. Ihr müsst wissen, Mira ist jetzt 10 Wochen alt, ich habe zwei Jobs und viele Projekte, die alle gleichzeitig gleich dringend werden. Irgendwie immer.

… Moment, gerade läutet mein Telefon. Meine Frau Natalia ruft an. Ich muss da abheben (wie immer). Sorry. Bin gleich wieder da …

Ok, es ist nun eine Stunde später, meine Familie kam mich besuchen. Ich nahm Mira sofort in den Arm, küsste Natalia und begann automatisch mit den Ritualen, die für gewöhnlich das Baby beruhigen. Ein bisschen auf den bewindelten Po klopfen, gut zureden und davon schwärmen, dass doch alles jetzt gut ist, da der Liebling doch jetzt bei Papa in Sicherheit ist. Das klingt dann ungefähr so: „Habibi, was haben sie dir angetan? Wer hat dich gehaut? Die Mama? Böööööööse Mama. Warum so trauuuurig? Joooo. Joooo. Habiiiiibi. Jetzt is alles gut. Joooooo. Habibi. Papa ist daaaaa. Alles ist guuuuut…“ und so weiter. Dazu immer locker in den Knien bleiben. Wippen, wippen, wippen und ab und zu eine Drehung. Das hilft fast immer und beruhigt Kind und Vater gleichermaßen – außer bei zu starken Blähungen. Auch gerade im Büro ist es gelungen. Es folgte ein Update über Natalias Tag mit dem Baby und dessen Entwicklungen.

… Seht ihr? So vergeht also meine Zeit, verflogen ist die eigentliche Aufgabe: E-Mail an sopha. Als es mir wieder einfällt, hab ich eigentlich keine Lust mehr (sorry Leute). Denn lieber will ich mit Mira kuscheln, sie herumtragen und knuddeln. Jetzt – so heißt es – sei die ideale Zeit dafür, weil sich die Babys alles gefallen lassen. Und später nichts mehr. Mmmmmh, sie ist aber auch zu knuffig, meine Süße. Und wie sie duftet. Zum Anbeißen. Egal, ich schweife ab. Zurück zum Thema dieses Mails: Keine Story. Was soll ich sagen, es gibt keine Entschuldigung:,Auch, wenn ich die Dinge sonst gerne auf die letzte Minute verschiebe, kann ich euch versichern, diesmal ist es anders. Also, seit Mira ein Monat wurde bis heute, renne ich all meinen Projekten hinterher. Es tut mir auch echt leid, dass gerade ein so spannendes Thema wie die Zeit, von mir schlichtweg wegrationalisiert wurde. Die Nächte sind kurz. Nein, das sagen alle. Ich erzähle euch, wie es wirklich ist: Augen zu, Augen auf und 24 Stunden sind um. Einmal zwinkern und ein Tag ist weg. Wer keine Kinder hat, wird diesen Satz nicht verstehen. Egal, wieviel er arbeitet und in welcher Branche. Egal, wie viele Deadlines und Projekte er hat. Nichts ist so wie die Rundumbetreuung eines neugeborenen Erdlings. Wer keine Kinder hat, kann beim Thema Zeitmanagement nicht mitreden…

Ein typischer Tag bei mir läuft ungefähr so ab:

05:30: Natalia war so freundlich, um 03:20 das gemeinsame Kinder-/Schlafzimmer zu verlassen, da ich ohnehin nicht helfen konnte und kehrt nun hundemüde mit Mira im Arm zurück. „Papa. Wir sind satt und müssen gewickelt werden“, sagt sie, drückt mir Mira in den Arm, wartet, bis ich aufstehe und fällt an meiner Stelle ins Bett. No Problemo – ich hab ja geschlafen. Los geht‘s: Wickeln (Kind ist fröhlich, weil nackt); Anziehen (Kind raunzt, weil nicht mehr nackt); einhändig Kaffee machen (Kind chillt im Arm, weil Schnuller im Mund); Es ist 06:45: Kind schläft ein. Jetzt hab ich zwei Optionen: Erstens Risiko: Also, Kind in den Stubenwagen legen und versuchen zu duschen, Kaffee zu trinken und eventuell, aber nur eventuell, noch etwas zu schreiben – die Story für sopha wird langsam fällig. Oder zweitens kein Risiko: Baby in den Armen behalten, irgendwo bequem machen und auf dem ipad eine Serie ansehen oder etwas lesen. Diese Entscheidung fällt leicht.

Es ist 08:10. Baby wacht auf, schreit kurz, lässt einen fahren, lächelt zufrieden, da der Bauch nicht mehr zwickt, und schreit sofort wieder. Hunger. Auf zu Mama. Ich gebe Natalia das Baby, gehe mich duschen, ziehe mich an, erkundige mich nochmal nach beider Wohlbefinden und hetze in die Arbeit – ein 20-Stunden Job in Festanstellung. Arbeit bis 13 Uhr. Essen in der Arbeit – Gott sei Dank wird hier gekocht. Es ist 14:00. Physiotherapie. Seit Mira auf der Welt ist, sind meine Verspannungen immer schlimmer geworden. Doch das ist eine andere Geschichte.

Es ist 15 Uhr. Ich beeile mich, in die Agentur zu kommen – mein Zweitjob (selbstständiger Texter in einem Coworking-Büro). Ich arbeite. Details erspare ich euch jetzt. Es ist 18 Uhr. Texte für einen Kunden sind fertig. Die Texte für einen anderen Kunden will ich zu diesem Zeitpunkt nicht machen. Ich überlege kurz: „Vielleicht schreibe ich noch die Geschichte über die Zeit für sopha, oder fange zumindest damit an. Ja, jetzt. Nein. Jetzt nicht.“

Ich will nach Hause. Ich vermisse Natalia und das Baby – genau in dieser Reihenfolge. Ich rufe Nati an: „Wie geht’s euch?“ Antwort: „Schatz, sie schreit seit drei Stunden. Ich weiß nicht, was ich machen soll.“ „Ich komme.“

Es ist 18:30. Ankunft zuhause. Mira schreit. Ich übernehme. Es folgt eines der vielen Rituale (immer locker in den Knien, siehe oben). Es hilft – doch es ist nicht perfekt. Bauchweh. 🙁

Es muss der Bauch sein, denn laut der „Baby-Checkliste“ passt alles. Eigentlich müsste sie schlafen. Somit greife ich zur Geheimwaffe: Recht laute Musik (klassische Gitarre), weite Tanzschritte mit dem Baby im Arm durchs Wohnzimmer – das Licht gedämmt. Um 19:20 schläft Mira endlich. Ich habe zwei Optionen. Erstens: Ich lege sie in ihr Bettchen und riskiere eine Rebellion. Zweitens: Ich mache es mir mit ihr gemütlich und schaue eine Serie oder lese – Bauch auf Bauch, dick in eine Kuscheldecke eingewickelt (schön warm, für den Darm). Die Entscheidung fällt leicht.

Filmriss.

Ich wache auf, um 21:45. Baby und ich schwitzen, der Po ist mir eingeschlafen, ich kann eine Hand nicht bewegen. Wo bin ich? Langsam dämmert mir, was los ist und gleichzeitig erwacht das hungrige Baby. Ich bringe die Kleine zu ihrer Mutter zum Stillen. Nach dem Essen schläft Mira wieder ein. Ich nehme sie, damit Natalia noch ein wenig schlafen kann. Es ist 22:30. Ich riskier’s, lege sie in ihr Bettchen, lege mich auf die Couch daneben. Ein Ohr bei ihr und ihrem Atem – ab und zu ein Quengeln. Ich kann nicht schlafen und hab keine Lust, ins Arbeitszimmer zu gehen und sie alleine zu lassen. Ich bewache sie quasi und bereue es nicht. Denn alles andere ist so unwichtig geworden. Ich lese also, schlafe ein, wache auf, traue mich nicht aufzustehen, weil unser alter Parkettboden so knarrt – oft weckt das Mira auf. Also bleibe ich, bis Mira von selbst aufwacht: Manchmal ist es 24:00, manchmal 01:00, manchmal 02:00 – dann endet meine Schicht. Natalia übernimmt. Ich falle ins Bett. Augen zu.

Augen auf: Es ist 03:20. Mira weint und Natalia geht mit einem leisen an mich und das Baby gleichzeitig gerichteten „Pschhhhhhht…“ aus dem Zimmer…

 

So oder so ähnlich verläuft unser Leben seit über 60 Tagen. Bin gespannt, wie das weitergeht. Nochmals sorry, dass ich keine Geschichte schicken konnte. Aber wenigstens hab ich dieses E-Mail fertig geschrieben. Natalia ist übrigens noch hier. Sie wollte eigentlich die Schlüssel holen. Dann blieb sie bei mir und ich konnte euch wenigstens die Nachricht schicken.

Es ist jetzt 19:10. Wir gehen nach Hause.

Tali Tormoche

Tali Weitgereister mit tiefen Wurzeln in Alexandria, der es auch genießt, mal zuhause zu bleiben. Es kann passieren, dass er beim gut gelaunten Tanzen auf dem Nachhauseweg mal seine Schlüssel verliert, aber eigentlich findet er sie dann wieder. Tali liebt Papier so sehr, dass er es vor dem Papierkorb rettet und ihm eine zweite Chance gibt, beschrieben zu werden. Früher war sein Begleiter ein kleiner Roboter namens „ER“, mittlerweile hält die kleine Mira ihn auf Trab.


Nächster Beitrag »

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.

Sopha verwendet Cookies. Durch die weitere Benützung unserer Seite stimmst du dem zu. Mehr Infos

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close