Letzte Ausgabe: Arbeiten
Über Urknall, Töne und Tonarten – inspiriert von einem Pianisten

Über Urknall, Töne und Tonarten – inspiriert von einem Pianisten

In manchen Glaubenstraditionen wurde unsere Welt „ersungen“. Ich finde das sehr poetisch. Und die australischen Ureinwohner glauben, dass die Töne aus dem Didgeridoo sie mit der „Traumzeit“ verbinden, wo mythische Wesen die Welt erschaffen haben und weiterhin gestalten. Die „Songlines“ der Aborigines sind nicht nur simple Grundlage ihrer Wanderungen durch den australischen Busch sondern gelten als notwendiger Ausdruck der Schöpfung. Die Lieder bilden selbst den Schöpfungsprozess. Für uns Europäer ist die Weltsicht der indigenen Völker im besten Fall faszinierend. Doch vielleicht ist die Schöpferkraft der Töne und Lieder gar nicht so weit hergeholt? Vor mehr als zehn Jahren wurde der Ton des Urknalls von einem US-Physiker für das menschliche Ohr hörbar gemacht. Der Spiegel online titelte „Am Anfang war ein Brummen“1). Der Abdruck der gigantischen Schallwellen aus dem Urknall lässt sich als Nachglut in der kosmischen Hintergrundstrahlung nachweisen. Es tönt also noch immer dort draußen im All… Das ist gar nicht so weit weg von der naiv anmutenden Schöpfungsgeschichte der Aborigines! Der Urknall-Sound ist übrigens als Audio-Datei im Internet abrufbar2).

 

Sternenhimmel, Dur und Moll

Wer auch immer sein Musikverständnis vertiefen möchte und völlig neue Zugänge zur Musik und deren Bedeutung schätzt, dem seien die Gesprächskonzerte des bayerischen Musikwissenschaftlersund gefeierten Konzertpianisten Stefan Mickisch wärmstens ans Herz gelegt. Es mag für den „aufgeklärten Klassik-Fan“ kurios anmuten, den Sternenhimmel, die Jahreszeiten und die Klänge der Musik miteinander in Korrelation zu setzen, doch für Stefan Mickisch ist dieser Zugang selbstverständlich. Für ihn sind Töne kosmische Wahrheiten. Dass bestimmte Tonarten gewisse Gefühle auslösen, ist für mich, die nach sechs Jahren Klavierunterricht nur mehr den Flohwalzer anbieten kann, noch nachvollziehbar. Es gilt auch als unbestritten, dass Durtonarten klar, hell und heiter, Molltonarten dagegen trübe, matt und düster wirken. Stefan Mickisch geht aber noch viel weiter. Er spricht davon, dass die Tonartencharakteristik unverbrüchlich einer seelischen Wahrheit gleichkommt. Jede Tonart hat ihre seelisch-emotionale Energie oder Ausdruckskraft, die den Tierkreiszeichen und Qualitäten der Jahreszeiten grob entsprechen. So lehrt Stefan Mickisch, dass beispielsweise alle großen Komponisten von Haydn bis Wagner Sonnenaufgänge in C-Dur komponiert haben – wobei C-Dur dem Sternbild der stürmischen Kraft des Widders entspricht. In der Astrologie steht das Feuerzeichen Widder für Durchsetzungskraft und Kampfgeist. Ihm ist der Planet Mars zugeordnet. Widder handeln generell mutig und entschlossen. Sie sind offen, neugierig, voller Energie und aufgeschlossen für alles Neue. Mysterien wiederum heben bei den großen Musikgenies generell in Es-Dur an wie uns der Beginn der Zauberflöte und von Wagners Rheingold verdeutlicht. Zu jeder Durtonart gibt es eine Paralleltonart in Moll, auch Mollparallele genannt, die in gewissem Sinne die tragische Kehrseite der Medaille bildet. Beethovens 5. Sinfonie ist dafür ein überzeugendes Klangbeispiel: Die „Schicksalssinfonie“ beginnt nicht von ungefähr in C-Moll und endet in C-Dur. Diese Entwicklung „durch Nacht zum Licht“ findet ihren musikalischen Ausgang in den dunklen Wintermonaten des Sternbildes Steinbock und endet am Frühlingspunkt Ende März in der stürmischen Kraft des Widders. Für mich öffnen sich neue Dimensionen…

 

Mozarts Zauberflöte und die alten Griechen

Ich staune. Ich staune, dass sich Musikgenies über Jahrhunderte mir unbekannten „Gesetzen“ untergeordnet haben. Und ich frage mich, ob sie alle mit den Tierkreiszeichen vertraut waren und an Astrologie glaubten. Mein persönliches Sternbild ist der Stier. Die Tonarten, die diesem Tierkreiszeichen zuzuordnen wären, sind G-Dur und E-Moll. G-Dur wird intuitiv als weich, frühlingshaft und kindlich wahrgenommen. Ich nehme es Stefan Mickisch nicht übel, dass er den Papageno aus Mozarts Zauberflöte als Klangbeispiel für mein Sternbild anführt: ein einfacher, volkstümlicher Naturmensch, der durchaus sympathisch rüberkommt. Ob es zuträglich ist, sich mehr Musik aus seinem Tierkreiszeichen zu gönnen, verrät Stefan Mickisch nicht. Das wäre auch zu plump. Doch dem Zusammenhang der Musik mit dem Kosmos kann ich viel abgewinnen. Schon Pythagoras meinte, dass sich der Kosmos in der Musik widerspiegle und umgekehrt. Selbst Johannes Kepler, ein nüchternes Genie, bezeichnete die Himmelsbewegungen als nichts anderes als fortwährend mehrstimmige Musik, in die der Mensch kosmisch eingebettet ist. Vielleicht sollte ich doch öfters Pagageno trällern, mich am Didgeridoo versuchen oder einem heilsamen Urschrei freien Lauf lassen? Es gibt ja sogar so etwas wie Musiktherapie. Warum wehre ich mich dagegen? Vielleicht weil ich die Horoskope in den Tageszeitungen für dumm halte und nicht in die Eso-Ecke gedrängt werden möchte. Aber auf der Stelle meines Wissens herumtreten, das will ich auch nicht. Am 19. September erklärt Stefan Mickisch Richard Wagners Tristan und Isolde in der Oper in Graz und im Dezember ist er wieder in Wien – mit dem Fliegenden Holländer. Ich freue mich.

 

Quellen und Links:

1) http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/audio-datei-vom-urknall-am-anfang-war-ein-brummen-a-271819.html

2) Sound Urknall: http://staff.washington.edu/seymour/BigBangSound_2.mp3

CD Tonarten und Sternzeichen, Stefan Mickisch, ©2006 Fafnerphon, Himmelkron (D)

www.mickisch.de

www.konzerthaus.at

 

Eva Draxler

Eva Restlos verträumte Luftschloss-Expertin, ungeerdet aber doch mit einer Hands-on Mentalität aus dem südlichen Waldviertel. Liebt, wie könnte es anders sein, Mohn in allen Variationen. Und Gedichte! Sie ist leidenschaftliche Schauspielerin, Yogalehrerin und geht am liebsten mit ihrem praktisch-romantischen Vintage-Kleid aus Brooklyn durchs Wiener Stadtleben.


« Vorheriger Beitrag
Nächster Beitrag »

Sopha verwendet Cookies. Durch die weitere Benützung unserer Seite stimmst du dem zu. Mehr Infos

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close