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„System Change, not Climate Change“

„System Change, not Climate Change“

Die Initiative „System Change, not Climate Change“ ist eine globale Bewegung, die sich für Klimagerechtigkeit und gegen Klimawandel einsetzt. Kurz vor dem großen UNO-KLimagipfel in Paris werden gemäß dem Motto auf der ganzen Welt Demos und Aktionstage veranstaltet. In Österreich finden in Graz (28.11.) und Wien (29.11.) die vermutlich größten Klimademos bisher statt.
Die Initiative besteht aus zahlreichen unterschiedlichen Interessenvertreter mit doch einem Ziel: von wirtschaftlich Interessierten (wie Finance & Trade Watch), politisch Aktiven (wie Attac), über Menschen, die sich mit den sogenannten Entwicklungsländern und Migration auseinandersetzen (wie die Dreikönigsaktion vom Hilfswerk der katholischen Jungschar) bis hin zu jenen, die sich mit Nahrungsmitteln und deren Produktion beschäftigen (wie FIAN oder der ÖBV-Vía Campesina) oder einer Plattform für das lebensbejahende Fest der Alternativen bei Alternatiba.
Als Sprecher des Bündnisses, das in Graz Demos und Aktionstage unter dem Motto „System Change, not Climate Change“ organisiert, hat uns Josef Obermoser einige unserer brennendsten Fragen beantwortet. Zwar spricht er hierbei nicht für die globale Initiative an sich, jedoch als leidenschaftlicher Aktivist der globalen Bewegung für Klimagerechtigkeit.

Sopha: Hallo! Danke, dass du dir, obwohl ihr sehr viel für die Vorbereitung Eurer Aktionen zu tun habt, ein wenig Zeit für uns genommen hast. Wir wissen das wirklich zu schätzen!
Wie eng hängen Konsum, Politik und Klimawandel zusammen? Welche Rolle spielt dabei der einzelne Konsument?

Josef Obermoser: Diese Elemente hängen natürlich ganz unmittelbar zusammen. Ich persönlich halte den Konsumbereich allerdings für nicht so zentral, wenn es darum geht, die Gesellschaft so grundlegend zu verändern, wie es zur Beschränkung des Klimawandels auf ein Ausmaß, das allen ein gutes Leben ermöglichen würde, nötig ist. Eine zentrale Herrschaftsstrategie des neoliberalen Kapitalismus ist es, uns als Menschen immer mehr auf unsere Rolle als Konsument*innen zu reduzieren. Uns wird suggeriert, dass wir durch bewussten Konsum die Welt verändern könnten. Das ist allerdings aus verschiedenen Gründen nur sehr beschränkt möglich. Ein Beispiel: Wie soll eine Pendlerin etwa auf ihr Auto zur Anfahrt zu ihrem Arbeitsplatz verzichten, wenn es keine öffentlichen Verkehrsmittel als Alternative gibt? Ein heißer Buchtipp zu diesem Thema ist Kathrin Hartmanns „Ende der Märchenstunde: Wie die Industrie die Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt“.

Natürlich ist es sinnvoll, sich z. B. möglichst vegan und biologisch zu ernähren und nicht zu fliegen, aber verändert werden müssen vor allem die Basis-Infrastrukturen und unsere Wirtschaftsweise. Wir brauchen ein post-kapitalistisches Wirtschaftssystem, das nicht mehr auf Wachstum angewiesen ist. Ein solches werden wir nur politisch durchsetzen können, wenn wir uns von passiven Konsument*innen zu kritischen Bürger*innen und Aktivist*innen emanzipieren und uns gemäß des Slogans „to change everything, we need everyone“ alle gemeinsam zu einer riesigen globalen Bewegung formieren.

Unsere Demo hier in Graz am 28.11.und die Aktionen unserer Kolleg*innen in Wien am 29.11. (https://www.facebook.com/events/1504621319849818/) sind Teil einer massiven globalen Mobilisierung im Rahmen derer unmittelbar vor Beginn des großen UNO-Klimagipfels in Paris hunderttausende (oder mehr) Menschen auf die Straßen gehen werden. In Paris ist die größte europäische Klimademo der Geschichte zu erwarten, in Graz und Wien die größten Aktionen zu diesem Thema, die Österreich bisher gesehen hat.

Sopha: Viele hoffen ja, dass durch Forschung und Fortschritt in der sogenannten „Green Economy“ der Klimawandel aufzuhalten ist, ohne dabei groß den eigenen Lebensstandard und das Konsumverhalten zu verändern. Was meinst du dazu?

Josef Obermoser: Natürlich ist es nötig, den real existierenden Kapitalismus in allen Bereichen umgehend zu „vergrünern“, etwa rasch die Energiewende in Richtung (möglichst dezentrale, demokratisch verwaltete) Erneuerbare voranzutreiben, die Landwirtschaft zu ökologisieren, etc. Aber das innerhalb des Kapitalismus Mögliche wird nicht reichen, um den Klimawandel auf ein halbwegs verträgliches Maß zu beschränken. Und da wir ja auch nicht bloß grüner ausgebeutet werden wollen, sondern globale sozial-ökologische Gerechtigkeit anstreben, sollten wir den Klimawandel (wie das auch Naomi Klein in ihrem aktuellen Buch „Die Entscheidung. Kapitalismus vs. Klima“ http://www.fischerverlage.de/buch/die_entscheidung/9783100022318 vorschlägt) als Chance sehen, um endlich solidarischen Wirtschaftsweisen zum Durchbruch zu verhelfen, die allen Menschen weltweit (und auch zukünftigen Generationen) ein gutes Leben ermöglichen.

Sopha: Wie stark müssen wir uns und unsere Lebensweisen verändern? Müssen wir da enorme Einbußen unserer Lebensqualität befürchten?

Josef Obermoser: Ich denke, dass wir sogar an Lebensqualität gewinnen könnten, wenn wir neben der grundlegenden Veränderung unseres Wirtschaftssystems und unserer politischen Institutionen auch rasch und entschlossen einen an der Wurzel ansetzenden und radikalen Wandel in Angriff nehmen würden, mit Besonnenheit und liebevoll. Kurze Formel: Weniger Arbeiten bedeutet mehr Freizeit und Freiheit. Weniger aber qualitätsvoller Konsumieren führt zu mehr Genuss und Gesundheit.

Sopha: In eurem Positionspapier fordert ihr auch eine radikale Umverteilung von Arbeit, Zeit, Einkommen und Vermögen. Wie verteilt man Zeit um?

Josef Obermoser: Diese Umverteilung ist Kern einer sozial gerechten Antwort auf die Klimakrise. Die Umverteilung und Neudefinition von Arbeit ermöglicht die Verringerung von Arbeitslosigkeit und schafft mehr Zeit für Erholung, Sorge – und Gemeinwesenarbeit. Konkrete realpolitische Forderung: Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich – in einem ersten Schritt mal auf 30 Stunden pro Woche.

Die gerechte Verteilung von Arbeit, Einkommen und Vermögen ist eine wichtige Basis für die Sicherung der Existenz aller. Arbeit muss an die Herstellung gesellschaftlich notwendiger Güter und Dienstleistungen geknüpft werden. Statt in umweltschädlichen Bereichen müssen neue Arbeitsplätze in klimafreundlichen Sektoren der Wirtschaft geschaffen werden (zb agrarökologische Landwirtschaft, Recycling, Gebäudesanierung, öffentlicher Verkehr, erneuerbare Energien, Pflege und Bildung).

Sopha: Da würde sich einiges ändern. Funktioniert System Change, bevor sich die Menschen geändert haben? Ist es von der Reihenfolge nicht eher „Behaviour Change, System Change, so there is no Climate Change“? Oder muss sich das System ändern, damit sich die Menschen ändern? Was meinst du?

Josef Obermoser: Ich sehe da ein dialektisches Verhältnis. Wenn eine grundlegende emanzipatorische Transformation der Gesellschaft erfolgreich sein soll, müssen sich im Zuge dieser natürlich auch die Menschen und ihre Interaktionsweisen ändern. Sonst landet mensch schnell wieder beim Alten. Da können wir aus der Geschichte sehr viel lernen. Umgekehrt kommen auch nur Menschen, die sich schon ein Stück weit verändert haben, überhaupt erst auf die Idee, die gesamte Gesellschaft gemäß ihren Überzeugungen und Bedürfnissen umgestalten zu wollen.

Sopha: Was ist das neue System, das nach dem System Change exisitiert? Also wird das momentane System so geändert, dass es eurem Positionspapier entspricht, oder muss da ein neues System her?

Josef Obermoser: Das Neue existiert immer schon im Alten. Immer mehr vielversprechende Keimformen (http://keimform.de/2014/keimform-und-gesellschaftliche-transformation/) emanzipatorischer Lebens- und Produktionsweisen finden sich in allen wichtigen Bereichen: der Landwirtschaft und Nahrungsmittelproduktion, der Energiegewinnung, dem Wohnen, der Mobilität, etc. Drei Buchtipps dazu:

Glücksökonomie. Wer teilt, hat mehr vom Leben (Annette Jensen, Uta Scheub)
http://keimform.de/2014/alternativen-von-unten/#more-9032

Halbinseln gegen den Strom (Friederike Haberman)
http://www.besserewelt.at/habermann-friederike-halbinseln-gegen-strom

Kartoffeln und Computer. Märkte durch Gemeinschaften ersetzen (P.M.)
http://www.edition-nautilus.de/programm/politik/buch-978-3-89401-767-5.html

Sopha: Wandel ist etwas, das normalerweise viel Zeit braucht. Wobei: Wenn ich mich in meinem Umfeld umschaue, das natürlich nicht repräsentabel für die Gesamtgesellschaft ist, habe ich das Gefühl, dass wir schon mittendrin sind im Wandel. Wie siehst du das? Und wenn das so ist – wieviel Zeit haben wir für diese Veränderungen, wenn alle mitmachen?

Josef Obermoser: Es tut mir leid, aber wenn ich ehrlich bin, haben wir gemäß führender Klimawissenschaftler*innen leider mittlerweile nicht mehr viel Zeit, was das ausreichende Beschränken des Klimawandels betrifft. Im Sinne der Möglichkeit eines smoothen Wandels wäre es schön gewesen, wenn damit bereits in den 1980er Jahren (als es für eine Weile auch danach aussah), oder zumindest in den 1990ern begonnen worden wäre. Jetzt muss es schneller gehen und die nächsten 5-10 Jahre sind entscheidend. Die Industriestaaten müssen ihre Emissionen mittlerweile recht rapide herunterfahren, damit der Rest der Welt noch Entwicklungsspielraum hat. Die globalen Emissionen müssten bereits 2020 peaken und danach bis 2050 (gegenüber 1990) um mindestens 95% reduziert werden.

Panikmache oder Resignation sind allerdings fehl am Platz. Wir müssen meiner Meinung nach betreffend des Aufbauens und der Vervielfältigung unserer alternativer Basisinitiativen besonnen dranbleiben und sie gut sichtbar machen, damit Schneeballeffekte entstehen.

Sopha: Wie geht es dir persönlich mit Veränderungen, mit Wandel? Fällt es dir schwer, Gewohnheiten abzulegen? Hast du Tipps für diejenigen, die der Gedanke an Veränderung beunruhigt oder stresst?

Josef Obermoser: Ich beteilige mich seit ungefähr 15 Jahren auf unterschiedliche Weisen an der positiven Veränderung der Welt. Naja, eigentlich schon circa 25, wenn mensch das Sammeln von Spenden zum Freikauf und Schutz von Regenwald als Schulkind dazuzählt.

In den letzten Jahren habe ich im Rahmen meiner Tätigkeit für unsere Festivals Crossroads http://crossroads-festival.org und Elevate http://elevate.at vor allem Filmscreenings, Vorträge, Diskussionen und Workshops organisiert. Dabei geht es vor allem auch darum, einen Raum zu schaffen, in dem engagierte Menschen und neu Interessierte zusammenkommen, um sich zu informieren, sich auszutauschen und vor allem auch um sich inspirieren zu lassen und sich gegenseitig zu inspirieren. Durch die Präsentation wegweisender Initiativen und Bewegungen wird Motivation generiert, die dann wieder in die weiteren transformatorischen Tätigkeiten der Menschen fließt.

Mein persönliches Verhältnis zu Wandel und Veränderungen? Als ich vor etwa 15 Jahren begann, vegan zu leben, war relativ schnell klar, dass es für mich leicht sein würde, das durchzuziehen. Ich wollte einfach nicht mehr daran mit schuld sein, dass so unsagbar viele Tiere ermordet werden nur weil es irgendwann früher mal notwendig war, sie zu essen, um zu überleben. Wenn ich also wovon überzeugt bin und es mir wirklich wichtig ist, zieh ich es durch. Aber veganes Essen ist ja einfach auch richtig lecker!
Persönlich als negativ empfundene, tief verinnerlichte Verhaltensweisen was zum Beispiel die Interaktion mit anderen Menschen betrifft zu ändern, ist deutlich schwerer, als z. B. einfach nur tierliche Produkte wegzulassen. Da heißt es dranbleiben.

Meine Tipps für Menschen, die Veränderungen stressen: Mitmachen! Mitgestalten!

– Einfach anfangen. Gemeinsam mit Menschen, die mensch gern hat. Und Spaß dabei haben. Jeder kleine Schritt zählt! Zusammen sind wir sehr sehr viele!

– Dranbleiben. Gut auf sich selbst und seine Mitstreiter*innen achten, und nicht ausbrennen. Nur wenn es einem*einer selbst gut geht, kann mensch weiter an positiven Veränderungen mitwirken. Sich daher auch immer wieder Auszeiten gönnen.

– Immer wieder auf das Positive blicken. Widerstand gegen Zerstörung und Ungerechtigkeit ist essentiell, aber damit mensch dauerhaft durchhält und lustvoll und mit positivem Vibe weiter aktiv sein kann, ist es wichtig, inspirierende Projekte und Bewegungen zu sehen, sich auch an ihnen zu beteiligen, Erfolge zu feiern und die Früchte der gemeinsamen Arbeit zu genießen – zb in Form leckeren selbst angebauten Gemüses.

Sopha: Danke für deine Zeit und Antworten. Wir wünschen euch viel und vor allem nachhaltigen Erfolg mit euren Aktionen!

 

Sarah Ulrych

Sarah Bewusst naive Weltverbesserin, die zu allem eine Meinung hat und sie oftmals auch unaufgefordert unter die Menschen bringt. Alles wird hinterfragt, nichts in Ruhe gelassen, sie selbst auch nicht, auch wenn sie es immer wieder meditierend versucht. Die Liebe zu allen Lebewesen – mit einigen ganz besonderen hat sie das Glück, ihr Leben zu teilen – sowie die angeborene Theatralik und Humor lassen sie die Unebenheiten des Lebens kraftvoll meistern.


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