Letzte Ausgabe: Arbeiten
Nah am Wasser gebaut

Nah am Wasser gebaut

Angeblich kam diese Redewendung im späten 19. Jahrhundert in den deutschen Sprachschatz: Genauso wie ein Hochwasser – Flüsse waren damals insgesamt noch etwas wilder, unkontrollierter – alles überschwemmt, tut das unsere Tränenflüssigkeit mit uns. Und das ist so gesehen nicht gut. Erheitert und leicht beschämt erzählt mir eine Freundin von der gemeinsamen Tränenflut mit einer wildfremden älteren Dame während eines stimmungsvollen Chorkonzerts. „Frauen sind bei sowas nah am Wasser gebaut“, lautet die generalisierende, aber mitfühlende Diagnose ihres Freundes. Ist „nah am Wasser gebaut“ ein mit aller Kraft abzuwehrender, unnötiger Gefühlsausbruch oder eine belächelte liebenswerte Schrulle? Eigentlich keins davon.

Es geht doch eher darum, dass wir nicht genug heulen. Oder dann nicht, wenn alle Zeichen auf Tränenflut stehen und das Wasser nur so fließen müsste. Und das nicht nur im dunklen Kino- oder Konzertsaal. „To have a good cry“, heißt es im Englischen, wofür es im Deutschen keine gleichbedeutende Wendung gibt. Jeder Psychotherapeut wird unterschreiben, dass ab und an die Schleusen geöffnet werden sollen, bevor der Damm bricht. „Am Wasser gebaut“ heißt ein Album der deutschen Pop/HipHop Band Fettes Brot aus dem Jahr 2005. Die Songtexte spielen die Bandbreite aller emotionalen Hochs und Tiefs, die uns zum Weinen bringen – und wenn sie es nicht mehr tun, dann bleibt eigentlich nur mehr „dieses dumpfe Gefühl / diese Leere im Kopf“ wie im Song „An Tagen wie diesen“.

 

Irmi Mac Guire

Irmi Mac Guire Gräbt neugierig in Kulturgeschichte, Sprache & Literatur, Film, Theater & Musik nach Erkenntnissen über menschliches Dasein. Als gebürtige Salzburgerin mit allerhand anderen Wurzeln lebt sie in Wien und ist mit einem Iren verbandelt. „Think outside the box!“ ist ihr Lebensmotto - außer vielleicht beim Kochen. Da verwöhnt sie schon mal ihre Freunde tieftraditionell mit flaumig-süßen Salzburger Nockerl, streng nach Oma’s Rezept…


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