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Meine Visionen in der Krise – ein Plädoyer für die Körperintelligenz

Meine Visionen in der Krise – ein Plädoyer für die Körperintelligenz

Welche Visionen trage ich in mir? Was ist der Sinn meines Lebens und welchen Weg kann ich einschlagen, um dort hinzukommen? Die Midlife Crisis lässt niemanden aus. Auch mich nicht. Und wenn meine Körperzellen schon intelligenter sind als mein Verstand*, ist es auch ratsam, meine Biologie zu nutzen und in meinen Körper einzutauchen.

Eine Generalüberholung meiner Visionen steht an. Meine Yogalehrerin zitiert gerne ihren alten indischen Meister, wenn ich mich nicht in den Handstand oder die Feuerfliege wage: „If your mind can reach it, your body can reach it“. Natürlich ist mir die Quantenphysik und die Relativitätstheorie ein Begriff, auch wenn ich nicht alles verstehe. Die Materie folgt geistigen Gesetzen und der Beobachter beeinflusst das Ergebnis. Doch mein Geist spielt oft Mätzchen, gaukelt mir Wirklichkeiten vor und schickt mir Träume, die sich wohl besser nicht erfüllen. Und Sigmund Freud verdanken wir die jüngste „Watschn“ an die Menschheit, dass nicht unser Wille sondern großteils das Unterbewusstsein unsere Handlungen steuert. Kann ich mich da auf meine Visionen, wenn ich sie denn habe, verlassen? Sind meine Visionen es wert, auf den Boden gebracht zu werden? Oder sind meine Ziele von vornherein zum Scheitern verurteilt?

 

Sokrates, Gollums Schatz und Körperintelligenz

Der Verfasser der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung Thomas Jefferson hielt den Geist schon für das schlimmste aller Gefängnisse. Unsere Überzeugungen und Verhaltensmuster knechten und binden uns wie Gollums Schatz aus dem Herrn der Ringe. Doch es gibt ein untrügliches Kontrollorgan, das unsere Visionen leitet und begleitet, wenn wir unsere Aufmerksamkeit dort hinlenken: unseren fühlenden Körper mit den über 50 Billionen hochintelligenten Zellen. Manche Wissenschaftler behaupten, die größte Intelligenz sitze in unseren Gedärmen. Das Bauchhirn war auch schon meiner Oma bekannt und die Intuition noch immer ein guter Ratgeber. Die Zellforschung bestätigt, dass die biologische Intelligenz nicht ausschließlich im Gehirn platziert ist, sondern in der Zellmembran jeder einzelnen Zelle beheimatet ist. Ist die Zelle gesund und gut versorgt, reagiert sie mit Wohlbefinden und Freude.

 

Doch was passiert, wenn wir Menschen uns von der Bewusstheit unseres Körpers trennen? Wenn wir unsere Gefühle übergehen und die Warnungen des Körpers, die wir Symptome nennen, nicht mehr hinterfragen? In der Psychologie und Psychiatrie spricht man von Entfremdung, dissoziativer Symptomatik, ausgelöst durch kleinere und größere Traumata. Die Tiefenimagination und die Schamanen sprechen von Verlusten von Seelenanteilen. Sie alle meinen dasselbe. Unsere Ziele und Visionen entsprechen nicht mehr unserer natürlichen, körpereigenen Intelligenz. Sie sind fremdgefärbte Produkte eines manipulierten Geistes und enden oft in mangelnder Lebensqualität, Frust und Krankheit. Mein vielverehrter Sokrates lehrt, dass man sich Ziele nicht nach ihrer Wirkung setzen soll, sondern der Weg dorthin als Motivation genügt, um ein erfülltes Leben zu führen. Visionen nicht nach dem Endergebnis auszurichten, sondern um des hehren Zieles wegen, klingt nach Weltverbessertum. Frei von persönlichen Interessen zu agieren, entspricht auf der biologischen Ebene jedoch zweifellos der Weisheit unserer Körperzellen.

 

Unser Gehirn, die Schauspielkunst und persönliche Visionen

Wir müssen anerkennen, dass unser geniales Gehirn ein wunderbarer Datenspeicher und Verwaltungsapparat ist, dessen Potential noch lange nicht ausgeschöpft ist. Doch das Gehirn als einziges Instrument mit dennoch beschränkter Kapazität zur Zielsetzung und Visionssuche einzusetzen, ist fehleranfällig. Im Schauspielunterricht und im Improvisationstheater lerne ich den Körper als Instrument zu erfahren und zu meinen ursprünglichen Impulsen zurückzufinden. Das Hineinentspannen in den Körper wird von den großen Schauspielmeistern Lee Strasberg und Konstantin Stanislawski als das Nonplusultra der Schauspielkunst erachtet. Befindet sich unser Körper in Anspannung, kann er nicht fühlen. Die körperliche Entspannung leert unseren Geist. Die Befreiung von meiner Grundbefangenheit öffnet mir als Schauspielerin und Frau in der Midlife Crisis die Tür zu Kreativität und Intuition.

Übrigens: Uneigennützig ist es nicht, wenn ich darauf achte, ob sich mein Körper mit meinen Zielen gut verträgt. Denn wenn das reine Tun, der Weg dorthin, meine Körperzellen schon mit Freude erfüllt, dann bin ich ja schon angelangt in meinem persönlichen Paradies.

Fühlen Sie Ihre Visionen auch schon im kleinen Zeh? Wenn nicht, halten Sie inne und unterziehen Sie Ihre Visionen einer biologischen Generalüberholung! Es lohnt sich.

 

*Fortsetzung folgt: auf dieses Thema wird in einer Woche auf sopha noch näher eingegangen.

 

Eva Draxler

Eva Restlos verträumte Luftschloss-Expertin, ungeerdet aber doch mit einer Hands-on Mentalität aus dem südlichen Waldviertel. Liebt, wie könnte es anders sein, Mohn in allen Variationen. Und Gedichte! Sie ist leidenschaftliche Schauspielerin, Yogalehrerin und geht am liebsten mit ihrem praktisch-romantischen Vintage-Kleid aus Brooklyn durchs Wiener Stadtleben.


3 COMMENTS ON THIS POST To “Meine Visionen in der Krise – ein Plädoyer für die Körperintelligenz”

  1. Julian Steiner sagt:

    Liebe Eva,
    ein schöner Artikel auf einem insgesamt sehr schönen Online-Mag 🙂
    Manchmal sind Körper und Geist / Ziele leider sehr verworren.

    Das wird z.B. in diesen drei Aussagen von mir klar:
    1.) Ich liebe es zu schreiben, eines meiner Lebensziele ist das Beenden meines ersten Romans.
    2.) Wenn ich etwas geschrieben habe, mit dem ich zufrieden bin und das einem zweiten Blick standhält macht mich das tiefgehend glücklich.
    3.) Ich kann nur schreiben wenn ich unglücklich bin.

    Mein Ziel ist also klar – der Weg dorthin ist aber scheinbar nur in einer Spirale aus Glück und Elend, Erfüllung und Depression, zu erreichen..

    Ich hoffe dir geht’s gut und du erreichst deine Ziele 🙂
    GLG
    Julian Steiner

    • Eva Draxler Eva Draxler sagt:

      Lieber Julian,

      Danke für Deinen Kommentar! Dein Roman will selbst den Tag bestimmen, an dem er fertig ist, und das ist sein gutes Recht ;-).
      Ich schreibe und es macht mich lebendig. Und wenn ich Dich richtig verstehe, dann führt auch Dich das Schreiben zum Ausdruck und zu einem tief empfundenen Glücksgefühl. Und wenn Du gerade nicht schreiben kannst, dann ist bestimmt etwas anderes an diesem Tag angesagt. Dein Körper ist sehr intelligent! Vielleicht will er Dich dazu bringen, in die Natur zu gehen, aus Deinem Kopf raus und nicht zum Schreibtisch… ? Wenn Du diese Bedürfnisse am Weg, die Dich vermeintlich von Deinem Ziel entfernen, aufspürst, anschaust und ihnen nachgibst, dann wird Dein Roman unwiderstehlich und ein spannendes Ende finden. Wahrscheinlich nicht an dem Tag, den Dein Kopf sich vorstellt… Aber wenn es dann soweit ist …. ja bitte, schick mir ein Exemplar!

      Tausend Grüße, Eva

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