Letzte Ausgabe: Arbeiten
Liebe in Zeiten der Revolution

Liebe in Zeiten der Revolution

“Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt” meinte Napoleon und es gibt noch viel mehr Dinge, die diese großen Begriffe miteinander verbinden.

Liebe hat irgendwie mit Sucht zu tun, mit Sicherheit und Lust – mit Schmerz und viel Verwirrtheit. Revolution hat auch mit Emotionen zu tun – mit Unsicherheit, Sehnsucht und Krawall.

„Liebe in Zeiten der Revolution“ heißt die jüngste Ausstellung im Kunstforum Wien. Sie befasst sich mit dem Wirken und Leben von fünf Künstlerpaaren während und nach der Zeit der Oktoberrevolution in Russland. Sie zeigt einerseits Werke konstruktivistischer, suprematistischer und futuristischer Art und beschäftigt sich auf der anderen Seite mit den Schwierigkeiten der Paarbeziehungen von Künstlern und Künstlerinnen untereinander. Obwohl der damals so junge sowjetische Staat nicht nur die Gleichberechtigung von Mann und Frau, sondern auch jene von Homosexuellen vorschrieb, wurden die Frauen nach wie vor nur zu oft als Musen, Modelle oder einfach administrative Hilfskräfte angesehen – damals und vor allem in der späteren Rezeption dieser Kunstepoche.

Gesellschaftliche Situationen pendeln. Auf liberale, freie Zeiten folgen oft repressive und rückschrittliche. So war die geschäftsführende Direktorin des Kunstforum Bank Austria, Ingried Brugger, 2000(!) die erste Frau an der Spitze einer so großen Kunstinstitution in Österreich. Sie konzipierte Ausstellungen zu Futurismus (2003), Eros in der Kunst der Moderne (2007), Rot in der russischen Kunst (1997, damals in Mailand). Als das Kunstforum 2010 kurz vor dem Aus stand, trumpfte Brugger mit einer Ausstellung über die Künstlerin Frida Kahlo auf und überzeugte so die Finanziers. Ingried Brugger ist auch Teil einer künstlerisch tätigen Paarbeziehung: Sie ist Modedesignerin und mit dem Maler Ludwig Attersee verheiratet.

Die Russische Sowjetrepublik schuf nach der Oktoberrevolution 1917 nicht nur die Klassen ab, sie versuchte auch den Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern Herr zu werden, indem sie Abtreibung, Scheidung und gleichgeschlechtliche Liebe erlaubte und Frauen den Zugang zu Bildung und Arbeit ermöglichte. Die herkömmliche Ordnung wurde komplett auf den Kopf gestellt, sogar die Zeitrechnung musste einer anderen weichen. (Die Oktoberrevolution fand ja eigentlich laut gregorianischem Kalender erst am 7. November statt). Kunstakademien wurden geschlossen und unzählige neue Institute gegründet, die die Trennung zwischen freier und angewandter Kunst aufhoben. Die WChUTEMAS (Höhere Künstlerisch-TechnischeWerkstätten) befreiten die Künstler und Künstlerinnen aus ihrem Elfenbeinturm und machten sie zu Wegbereitern des Sozialismus, indem sie „neue“ Designelemente in den Alltag der Bürger holten. Noch vor dem Bauhaus in Deutschland machten sie die Kunst zu einem Alltagsgegenstand für alle.

Anders als im Westen galt der Berufskünstler nicht nur in der jungen Sowjetunion als vollwertiges, Mitglied der Gesellschaft. Die Künstlerfigur erlebte eine Transformation vom einzelgängerischen, vergeistigten Individuum, zum „in den Produktionsbedingungen stehenden“ (Walter Benjamin) Ingenieur.

Warwara Stapanowa entwarf avantgardistische Stoff- und Geschirrmuster. Klare, abstrakte Formen und Schnitte waren angesagt. Die Implementierung der Politik, des Bewusstseins des neuen Menschen ging sogar so weit, dass die ambitionierten GestalterInnen Stoffe mit kleinen Flugzeugen, Traktoren und Mähdreschern fabrizierten. Diese Muster fanden jedoch wenig Gegenliebe beim Publikum und viele dieser konstruktivistischen Entwürfe verschwanden wieder in der Schublade. Und auch sonst wurde vieles wieder revidiert: mit der Machtübernahme Stalins kehrte der Konservativismus wieder zurück ins Land, beschnitt Menschen- und Frauenrechte aufs Neue und bescherte auch vielen Kunstschaffenden ein bitteres Ende. Sie mussten emigrieren wie Natalja Gontscharowa und Alexej Krutschonych, wählten den Freitod wie der begnadete Dichter Wladimir Majakowski oder wurden erschossen wie Gustav Klutsis. 20 Millionen Sowjetbürger fanden im 2. Weltkrieg den Tod woraufhin Stalin Abtreibung wieder unter Strafe stellen ließ. Es ist ein langer, steiniger Weg zum neuen Menschen…

Abgesehen vom sozialen und politischen Umsturz der Gesellschaft im Russland vor dem 2. Weltkrieg beschäftigt sich die Ausstellung auch mit der persönlichen Herausforderung die Liebe und gemeinsames Arbeiten mit sich bringt. Erst in den letzten Jahren begann die Kunstgeschichtsforschung in puncto Frauen genauer hinzusehen und konnte Fehler in der Geschichtsschreibung finden und ausbessern. So diskutiert die moderne Forschung heute darüber ob das erste abstrakte Bild tatsächlich Wassily Kandinsky oder der schwedischen Künstlerin Hilma af Klint, zugeschrieben wird.

Auch wenn die Idee des Kommunismus die völlige Gleichberechtigung von Mann und Frau als selbstverständlich ansieht und Frauen mit der Betreuung und Erziehung nicht mehr alleine lassen will und diese (meiner Meinung nach zurecht!) in die Hände des Kollektivs, der gesamten Gesellschaft legen möchte, ergeben sich hier ganz profane Probleme in der praktischen Umsetzung. So schreibt Valentina Kulagina 1932 etwas resigniert, dass die Liebe zwar „altmodisch“ aber auch im Sozialismus unvermeidbar sei. Auch unter den Avantgardistinnen hatten Frauen mit dem Problem der Doppelbelastung als Geliebte, Partnerin und Mutter zu kämpfen.

Liebe kann scheitern und auch Revolutionen tun dies nicht zu knapp. Unsere säkulare westliche Gesellschaft steht immer noch unter dem Einfluss der französischen Revolution. Vor über 25 Jahren brachten durchgehend sanfte Revolutionen den eisernen Vorhang zu Fall und der arabische Frühling machte sie 2011 in den vorderasiatischen Ländern wieder en vogue. Leider hat jede erste Verliebtheit und jede Revolution einmal ein Ende und wer es nicht schafft das Folgende logistisch unter Dach und Fach zu bringen tut sich schwer. Tunesien brachte vor vier Jahren den Stein der Umwälzung ins Rollen und infizierte seine Nachbarn mit dem Bazillus der Freiheit und Selbstbestimmung. In Ägypten demonstrierten Männer und Frauen, gläubige Muslime und Atheisten nebeneinander auf dem Tahrir-Platz in Kairo und sehnten sich auch nach einer sexuellen Befreiung. Sie kam nicht. Allein in Tunesien ist es gelungen ein halbwegs stabiles System aufrecht zu erhalten weswegen der Friedensnobelpreis 2015 an das tunesische Quartett für den nationalen Dialog vergeben wurde. Für die Bemühungen, eine pluralistische Demokratie in Tunesien im Zuge des Arabischen Frühlings aufzubauen. Was in Ägypten, Libyen und Syrien geschehen wird steht in den Sternen. Und Russland hatte diesen Sommer nichts Besseres zu tun als Transsexuellen das Autofahren zu verbieten.

 

Zum Interview mit Wladimir Kaminer

 


Glossar

(Quelle: Das große Kunstlexikon von P.W. Hartmann)

 

Avantgarde , franz., „Vorhut“.

Bezeichnung für Gruppen, die als „Vorkämpfer“ für eine bestimmte Idee oder (Kunst-) Richtung agieren. Besonders gebräuchlich ist der Ausdruck für Kunstströmungen des ersten Drittels 20. Jh.


 

Futurismus von italienisch futuro, „Zukunft“,

Anfang 20. Jh. von Italien ausgehende und besonders auf Russland, Deutschland und Frankreich übergreifende dynamische Bewegung in Literatur, Kunst und Politik. Die mit dem Futurismus sympathisierenden Künstler und Literaten traten für eine Loslösung von alten Überlieferungen ein und trugen entscheidend zur Etablierung der Avantgardekunst bei. Das „Manifesto futurista“ (1909) des italienischen Dichters Filippo Tommaso Marinetti legte erstmals bewusst provokant das Gedankengut des Futurismus dar. Es wurden u. a. die Schönheit schneller Fortbewegung, der Rausch der Geschwindigkeit und die moderne Technologie gepriesen.


 

Bauhaus , Staatliches Bauhaus, 1919 vom Architekten Walter Gropius (1883-1969) in Weimar gegründetes Institut für Gestaltung. Gropius wollte die Kluft zwischen Künstlern, Kunsthandwerkern und Handwerkern überbrücken, den Erfahrungsaustausch fördern und ein fundiertes Formen- und Farbgefühl vermitteln. Theorie und Praxis sollten vereinigt und das Empfinden für zeitlos schöne Formen im Volk geweckt und vertieft werden. Die Entwürfe sollten auch industriell und damit preisgünstig produzierbar sein. Das Ziel der Bauhaus-Bewegung war, auch finanziell schwächeren Schichten zu einem gepflegten Interieur zu verhelfen.

 


In der Ausstellung behandelte Künstlerpaare:

Natalja Gontscharowa & Michail Larionow

Warwara Stepanowa & Alexander Rodtschenko

Ljubow Popowa & Alexander Wesnin

Olga Rosanowa & Alexej Krutschonych

Valentina Kulagina & Gustav Klutsis


 

Lydia Bissmann

Lydia Heimlich schüchterne, flohmarktabgrasende Grazerin und Literaturjunkie. Hüllt sich am allerliebsten in ihre geliebte Kaschmirjacke und durchforstet Bestellerlisten, am liebsten im Zug. Lydias treuste Wegbegleiter sind Drucker-Uwe und Dublin, ihre beiden Katzen. Schöne Hotels sieht sich Lydia gerne von innen an. Jedoch mag sie es gar nicht, wenn sich in den schönen Zündholzschachteln der Hotels abgebrannte Zündhölzer mit den frischen Zündern vermischen.


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