Letzte Ausgabe: Arbeiten
Licht und Schatten – Depression

Licht und Schatten – Depression

Warum das Thema Depression?

Diesmal gibt es von mir keine Aufbereitung eines wissenschaftlichen Themas. Hier und jetzt lade ich euch ein, an meiner ganz persönlichen Erfahrung mit Depressionen teilzuhaben. Natürlich sind gewisse Aspekte meiner Gedanken zu diesem Thema fachlicher Natur. Ich kann nun mal nicht aus meiner Haut und der Drang, die Welt und die ihr zu Grunde liegende Logik zu verstehen, begleitet mich schon seit meiner Kindheit. Seit meiner Jugend begleitet mich die Depression. Sie kommt, bleibt eine Weile, vergeht irgendwann auch wieder – in meinem Fall mit Medikamenten.

 

Schatten

Es fällt mir nicht leicht, diese Zeilen zu schreiben. Es ist etwas sehr Persönliches, das ich hier einer breiten Leserschaft zugänglich mache. Aber ich tue das in dem Glauben, dass es wichtig ist, darüber zu reden. Zu viele Menschen leiden darunter, bleiben stumm, fühlen sich unverstanden. Jene, die es nie erlebt haben, können es meist auch gar nicht verstehen. „Ist ja alles nicht so schlimm,“ oder „Du hast doch alles, was du zum Leben brauchst,“ bis hin zu „ Stell dich nicht so an,“ und „Reiß dich zusammen“, all das und noch mehr bekommen wir zu hören. Nicht aus bösem Willen, aber aus Unverständnis heraus kommen solche Äußerungen. Leider helfen sie nicht. Da ich in den Tiefen einer Depression, wenn ich ganz im Schatten stehe, selbst mein größter Kritiker bin, sehe ich in solchen Momenten nur, dass jemand etwas von mir fordert, das zu leisten ich einfach nicht im Stande bin. Ich kann mich nicht zusammenreißen. Ich wünschte, ich könnte, denn es fühlt sich nicht schön an. Jede Bewegung ist ein mentaler Kraftakt. Jede soziale Interaktion wird zum Spießrutenlauf. Ständig plagen mich die Gedanken an all die Dinge, die ich tun sollte. Und mir fällt auch gar kein guter Grund ein, warum ich sie nicht tun kann. Ich kann einfach nicht, so sehr ich auch können möchte. Am liebsten will ich nur schlafen, damit der Tag vergeht. Ich will mich verkriechen in den Schatten, will von der Welt nichts mehr wissen. Die bleierne Schwere meiner Gedanken erschöpft mich, alles scheint irgendwie grau zu sein und ich bin traurig. Aber zum Glück habe ich gelernt, die Zeichen zu lesen. Heute kann ich mir rechtzeitig Hilfe holen, wenn ich sehe, dass es wieder beginnt. Ich habe den Kampf aufgenommen und mich auf den Weg gemacht zum …

 

… Licht

Es gibt viele Wege, mit Depressionen umzugehen und sie zu behandeln. Es gibt dazu auch jede Menge höchst spannender Literatur. Zahlreiche Kräuterbücher empfehlen Pflanzen wie Johanniskraut, Melisse, Orangenblüten, um nur einige zu nennen. Für mich sind das alles Sonnenpflanzen, die mit viel Licht und Wärme besonders gut gedeihen. Ein wenig will mir scheinen, sie speichern das Licht und wir nutzen es, um unsere Schatten zu vertreiben. Vielen Menschen helfen diese Pflanzen auch gut. Für mich waren sie leider nie ausreichend wirksam.

 

Kürzlich bin ich beim Stöbern in Fachliteratur über eine Studie aus Finnland gestolpert, die ich an dieser Stelle erwähnen möchte, weil sie so schön zum Thema passt. Da wird beschrieben, wie sich das Beleuchten des Gehörganges mit hellem Licht auf Depressionen auswirkt. Das klingt auf den ersten Blick irgendwie absurd, dürfte aber durchaus funktionieren, sofern man den Daten Glauben schenkt. Und irgendwie wirkt es auch stimmig, dass ausgerechnet Finnen sich mit Licht zur Behandlung von Depressionen auseinandersetzen, wo es doch das halbe Jahr finster ist, so hoch im Norden.

 

Allein über Antidepressiva könnte ich erschöpfend schreiben und den Stand der Wissenschaft zusammenfassen. Aber ich will es auch hier persönlich halten. Ich habe mit einigen Medikamenten Erfahrungen gemacht und nicht immer im positiven Sinne. Unterm Strich kann ich allerdings sagen, dass sie für mich immer eine absolut notwendige Hilfestellung waren, um wieder zurück ins Leben zu finden. Was mir dabei immer geholfen hat, war ein Arzt, dem ich vertrauen konnte. Das scheint mir überhaupt eine ganz wichtige Stütze zu sein – Fachleute, bei denen man sich wohl fühlt. Scheut euch nicht, eure Ärzte, Apotheker, Gesprächstherapeuten oder Heilpraktiker auf euren seelischen Zustand anzusprechen. Holt euch Hilfe, sucht euch Unterstützung. Auch das Gespräch mir Leidensgenossen kann unendlich erleichternd und hilfreich sein. Für mich fühlt sich das immer ein wenig so an, wie ich mir den Austausch zwischen zwei Veteranen eines Krieges vorstelle. Beide gezeichnet durch das Erlebte, aber auch verbunden, weil man den Schmerz des anderen so gut versteht.

 

Das bringt mich zum letzten Punkt auf meiner Reise ins Licht: Psychotherapie. Denn Antidepressiva allein sind nicht die Antwort auf meine seelischen Nöte. Ich bin meiner Psychotherapeutin unendlich dankbar für ihr Einfühlungsvermögen, ihre Einsichten und die liebevolle Betreuung, die sie mir zuteil werden lässt. Auch wenn es oft schmerzliche Prozesse oder unangenehme Gedanken aufbringt, ich kann nur jedem Betroffenen inständig empfehlen, sich einen Therapeuten zu nehmen. Denn allein drehen sich die Ideen und Gefühle immer wieder im Kreis, beißt sich die Schlange in den eigenen Schwanz und man kommt eben nur sehr schwer weiter. Es tut gut, sich den eigenen Dämonen zu stellen und dabei zu bestehen. Es ist ein Schritt in Richtung Normalität – einer von vielen.

 

Mirjam Spachinger

Mirjam Eine pedantische Chaotin mit vielen Leidenschaften, die sie sorgsam pflegt: sei es Zeit mit ihrem Partner oder Freunden zu verbringen und zu blödeln, mit ihren Katzen zu schmusen, im Mittelalterverein das Schwert zu schwingen, aktiv zu sein oder mal die Seele baumeln zu lassen. Dem berufsbedingten weißen Mantel – sie ist Apothekerin – setzt sie privat flauschige Socken in unsäglichen Farben, am liebsten geringelt oder getupft, entgegen, weil sie ihr Geborgenheit und Wohlsein schenken.


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