Letzte Ausgabe: Arbeiten
Das Landei und die Kunst

Das Landei und die Kunst

Nein, ich bin keine Künstlerin. Nein, ich habe auch nicht Kunstgeschichte studiert. Ich besuche auch keine Vernissagen, sondern verirre mich nur gelegentlich in Ausstellungen der gelobten Wiener Kulturszene. Dort suche ich nach meinen eigenen Zugängen nach dem, was Kuratoren sofort erkennen. Manchmal auch vergeblich. Und da wäre ja auch noch die Welt der hohen Literatur und großen Opern, die sich mir nicht so recht erschließen will. Ausgerechnet ich, das Landei, maße mir an, einen Artikel über die Kunst als Brücke zu verfassen. Ich, die sich zufällig erinnern kann, dass es vor Jahren eine Ausstellung im Kunstforum über eine deutsche Künstlergruppe gab, die sich „Brücke“ nannte …

Das Landei und die Künstlergruppe

Ich glaube, es liegt an meinem Alter. Früher war ich noch bemüht, meine Bildungslücken zu verbergen, und habe zu denen, die ich der Kunst- und Kulturelite zuordne, bewundernd aufgeschaut. Meiner Wertschätzung können sie sich auch heute noch sicher sein. Doch meine Haltung hat sich geändert. Kunst ist für mich kein Privileg der Bildungselite mehr, sondern eine Welt von Orientierungspunkten im Alltag geworden. Klingt abgehoben?? Dann darf ich gleich auch noch den Maler Karl Schmidt-Rottluff zitieren, der der deutschen Künstlergruppe den Namen verpasste. Ich habe nämlich in all meiner Tiefgründigkeit festgestellt, dass ich genauso denke wie er. Schmidt-Rottluff sagte, „Brücke“ sei „ein vielschichtiges Wort, würde kein Programm bedeuten, aber gewissermaßen von einem Ufer zum anderen führen.“ Und wo die Reise hingeht, das wussten weder damals die Künstler der Gruppe, und ich heute in meinem Leben erst recht nicht. Was ich mit der Künstlergruppe teile, ist der Wille zum Uferwechsel und zur Überwindung eines veralteten Menschenbildes. Das ist es, was die Kunst mir schenkt. Und ich male nicht ansatzweise wie Schmidt-Rottluff, dichte holprig und kann nur mehr den Flohwalzer am Klavier.

Die große Verantwortung der Architekten

Es ist der Genuss von Kunst, der Perspektiven öffnet, lehrt mich meine Freundin Susanne, die an einer Berufsschule unterrichtet. Ich erkenne Susanne nicht wieder, wenn sie, die ausgebildete Kunsthistorikerin, zum Ausgleich Kunstinteressierte durch Ausstellungen führt. Ganz gebannt lausche ich dann ihren Erklärungen, und weiß nicht, was mich mehr fasziniert: die gezeigten Werke oder die gewährten Einblicke in eine Welt mit unendlichen Facetten. Als mir Susanne vor kurzem in aller Dramatik erklärte, welche schier große Verantwortung der Architekt einer Schule oder eines Kindergartens hat, bin ich ganz still geworden. So hatte ich das bisher noch nie gesehen, auch wenn ich aus eigener Erfahrung weiß, dass es Räume gibt, die mir die Luft zum Atmen nehmen. Die Kunst ist am Menschen orientiert, setzt bei ihm an, ist sein Ausdruck und nährt sein Sein. Es ist schade, dass dieser Zugang so wenig Platz in der Berufsschule hat – wohl auch nicht in vielen anderen Bildungsstätten und das ganz abgesehen von der eigentlichen Architektur der Schulgebäude in unserem Land. Aber das Bildungswesen und die Pisa-Studie, das gehört ein anderes Mal diskutiert …

Kleine Kunstwerke aus eigener Hand

Kunst führt zu einem intensiveren Wahrnehmen. Egal, ob man selbst künstlerisch tätig ist oder sich nur mit Kunst auseinandersetzt. Kunst ist eine Reise und Reisen verändert den Menschen. Es ist auch das Mehr an Wahrnehmungsfähigkeit, das ich selbst aus meiner mehrmonatigen Kunsttherapie mitgenommen habe. Selbst schöpferisch zu sein, bedeutet sich zuerst loszueisen von Bewertungen und Konzepten. Die Kunst führt uns über die Brücke von beginnendem Erstarren zurück zur Lebendigkeit. Das Ich steht auf der einen Seite der Brücke und sieht ein Menschenbild, dem es entwachsen ist. Die Kunst setzt Impulse und lässt geschehen. Ich verdanke der Kunsttherapie nicht nur eine kleine Anzahl von überraschenden Werken aus eigener Hand, sondern auch das Wissen, dass kreative Prozesse ihre Dynamik haben und eigenen Gesetzen folgen, die ich nur beschränkt erkennen und beeinflussen kann.

Vom Schauspieler zum Menschen

Und so geht es mir auch in der Schauspielerei. Es bleibt mir nichts anderes übrig als loszulassen und meinen Körper als Werkzeug zur Verfügung zu stellen. Nichts ist schwieriger als das. Als ich vor acht Jahren in die ersten Theaterworkshops stolperte, habe ich noch nicht geahnt, wie teuer mir diese Arbeit einmal werden wird. Das Schauspielen bietet mir nicht nur die Möglichkeit, in andere Wesen einzutauchen, es hilft mir auch, mich von meiner Grundbefangenheit zu befreien und meinen Impulsen zu vertrauen. Als ich Ingrid Sturm, die Leiterin der Schauspielschule, fragte, was sie ihren Schülern, die es nicht nach Hollywood schaffen werden, mitgeben möchte, habe ich vollends begriffen, warum Kunst lebensnotwendig ist. Sie bildet die Brücke zurück zu unserem natürlichen Selbst, wo der ursprüngliche Mensch mit all seinem Fühlen angstfrei existiert. Das Ungelebte, Verheimlichte herauszulocken, das schafft die Kunst. Sie macht uns menschlicher.

 

Quellen und Hinweise:

Ulrike Lorenz, Norbert Wolf (Hrsg.): Brücke – Die deutschen „Wilden“ und die Geburt des Expressionismus, Taschen Verlag, Köln 2008

Schule des Theaters, 1070 Wien, www.schuledestheaters.at

 

Eva Draxler

Eva Restlos verträumte Luftschloss-Expertin, ungeerdet aber doch mit einer Hands-on Mentalität aus dem südlichen Waldviertel. Liebt, wie könnte es anders sein, Mohn in allen Variationen. Und Gedichte! Sie ist leidenschaftliche Schauspielerin, Yogalehrerin und geht am liebsten mit ihrem praktisch-romantischen Vintage-Kleid aus Brooklyn durchs Wiener Stadtleben.


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ONE COMMENT ON THIS POST To “Das Landei und die Kunst”

  1. Edith sagt:

    Eine wunderschöne Analyse mit Worten, die man beinahe, aber eben nur beinahe, gerade selbst gefunden hätte.

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