Letzte Ausgabe: Arbeiten
Television – ein Kamingespräch

Television – ein Kamingespräch

Juliane: Danke für die Einladung, ich freu mich auf unser Gespräch am Kamin. Schon stimmungsvoll, so ein knisterndes Feuer, das mich übrigens gleich auf eine meiner früheren Lieblingssendungen bringt: Das Kaminfeuer. Als Kind hab ich mir das unglaublich gern angesehen, auch, wenn ich kaum dazu kam, mal so spät nachts noch vor der Flimmerkiste zu sitzen.

Dr. Nachtstrom: Ja die Nacht – die hatte in meiner kindlichen Einbildung unglaubliche Fernsehgeheimnisse parat. Meine früheste nächtliche Fernseherfahrung ist eigentlich die eines Hörspiels: Immer, wenn der TV-Krimi kam, wurde ich ins Bett geschickt und horchte dann an der Wand zum Fernsehzimmer, was da so passierte. Fernsehen war in meinem tiefkatholischen Elternhaus sowieso etwas, das sehr restriktiv gehandhabt wurde, weswegen ich in späteren Jahren mit SAT-TV und Videorekorder auch zum absoluten TV-Junkie wurde.

Aber beginnen wir von vorne, sozusagen auf der untersten Ebene. Da Fernsehsender früher ja nicht 24 Stunden lang Programm geboten haben (heute undenkbar) wurde nach dem „Nachtfilm“ und einer der unzähligen Folgen „1000 Meisterwerke“, bei der ein Sprecher ein ausgewähltes Gemälde erklärte, einfach ABGESCHALTET. Da gab es noch kurz die Bundeshymne zu hören und dazu eine wehende Flagge zu sehen, aber dann war es endgültig vorbei.

Juliane: Erst vor kurzem hab ich mir einen typischen Sendeschluss im ORF aus meinem Geburtsjahr 1987 angesehen, da lief nach dem Wunsch einer „angenehmen Nachtruhe“ noch kurz das Programm auf FS 2 für den nächsten Tag. Für mich waren „FS 1“ und „FS 2“ eigentlich immer die umgangssprachlichen Ausdrücke für die beiden öffentlich-rechtlichen Programme, da viele Leute sie lange noch so nannten. Erst irgendwann hab ich erfahren, dass diese Programme tatsächlich mal so hießen.

Dr. Nachtstrom: Wie ich ja seit einigen Jahren weiß, ist das weiße Rauschen, das man dann gesehen hat, nicht einfach irgendein Gewimmel gewesen: Die Bildröhre fungierte als Empfänger der kosmischen Hintergrundstrahlung, wobei die eingefangenen Elektronen für die entsprechenden Leuchtpunkte auf dem Schirm gesorgt haben . Also eine Art „kosmisches Fernsehen“, welches mit der Einführung von LCD-Schirmen, die nur mehr digitale Datenpakete empfangen, leider beendet wurde (siehe hier).

Juliane: Für mich hatte das weiße Rauschen irgendwie eine besondere Bedeutung. Ich konnte dem Treiben lange zusehen und überlegen, ob es nun weiße Punkte auf schwarzem Hintergrund oder schwarze Punkte auf weißem Hintergrund waren. Irgendwann entschied ich mich wohl für Zweiteres und nannte das Phänomen „Ameisen im Schnee“. Mir fiel zwar auf, dass die Ameisen und der Schnee wohl immer wieder anders aussahen, aber vom Fernseher als Empfänger für kosmische Strahlung höre ich zum ersten Mal!

Testbild - Fernsehen

Testbild

 

Dr. Nachtstrom: Was man früher auch oft gesehen hat, war das sogenannte „Testbild“, begleitet von einem ziemlich nervigen Pfeifen. Oft hab ich gerätselt, wozu das Ganze gut sein sollte – erst später verstand ich, dass dieses Testbild (übrigens von der Firma Phillips entwickelt) zusammen mit einem hochfrequenten Messton zur Einstellung und Kalibrierung von neuen Fernsehgeräten diente.
All diese schon längst nicht mehr gesendeten Phänomene sind bei mir untrennbar mit meinen ersten Fernseheindrücken verknüpft, und passen in gewisser Weise auch zu dem von dir angesprochenen Kaminfeuer, da es sich um „Gebrauchsfernsehen“ handelte, genauso wie die endlosen (aber doch spannenden) Straßenbahnfahrten in Wiener Lokalsendern oder das legendäre „Wetterpanorama“.

Juliane: Straßenbahnfahrten hab ich nie gesehen, das Wiener Lokalfernsehen haben wir nie empfangen, dafür aber slowenisches Fernsehen.
Ich kann mich jedenfalls kaum mehr daran erinnern, kein SAT-Fernsehen zu empfangen, ich glaube, wir haben das sehr früh schon gehabt. Kein Wunder in einem Haushalt, in dem es in Höchstzeiten 6 Fernseher gab. Das SAT-Programm wurde aber nur vom Hauptfernseher aus durchgeschaltet. Wenn man also im ersten Stock SAT schaute und jemand unten im Wohnzimmer den Sender wechselte, musste man runterrennen oder durch das ganze Haus brüllen. Kam ich von der Schule nachhause, belegte meine Mutter meistens den Hauptfernseher und ich sah mir oben „Takeshi’s Castle“ an, das in den 90ern unheimlich populär bei Schulkindern war: Das war eine japanische Spieleshow, basierend auf der Idee von Jump-’n’-Run-Spielen, in der zwei „Armeen“ aus Teilnehmern die Burg eines „Fürsten“ stürmten.

Dr. Nachtstrom: Zu Fernsehsendungen genötigt zu werden, ist meistens gemein, dabei fällt mir aber ein, dass ich eigentlich extrem froh bin, (wohl gegen meinen Willen, weil ich schlief) als Eineinhalbjähriger mitten in der Nacht zum Fernseher geholt worden zu sein. Der Grund dafür war die Mondlandung! Ich behaupte ja immer ganz standfest, mich sogar irgendwie daran erinnern zu können. In den 90ern habe ich mich TV-mäßig dann aber endgültig emanzipiert. Da hab ich einen Elektriker geholt, der mir für meine eigene kleine Wohnung im Keller des Elternhauses mein eigenes SAT-Fernsehen inkl. hässlicher Riesenschüssel und extralangem Kabel, für das durch die Außenwand gebohrt wurde, installierte. Und da gab’s dann kein Halten mehr – die Zeitschrift „TV Spielfilm“ wurde zu meiner Bibel, in der liebevollst mit verschiedenen Farbstiften der Fahrplan für schlaflose Nächte markiert wurde. Und mittels eines Videorekorders und der damals schweineteuren 300er-VHS-Kassetten mit 5 Stunden Aufnahmekapazität wurde alles archiviert – vom MTV-Musikfernsehen bis hin zu obskuren Bollywoodfilmen, die auf dem damals frei empfänglichen, pakistanischen Sender „TV ASIA“ Tag und Nacht liefen.

Juliane: Videokassetten waren für mich in den 90ern auch wahnsinnig wichtig, denn ich habe damals schon etwas praktiziert, das meinem heutigen Fernsehverhalten sehr nahe kommt: Ich habe teilweise ganze Nachmittage und Abende im TV aufgenommen, nur, um mir dann Sachen, die mir gefallen haben, ansehen zu können, wann und wie oft ich wollte.
Trotzdem war ich auch immer auf der Suche nach der perfekten automatischen Berieselung im Fernsehprogramm. Erst kannte ich das Programm des Kinderfernsehens, dann die Seriennachmittage auf ORF praktisch auswendig und wusste, wann ich umschalten musste, damit ich auf einem anderen Sender weiterschauen konnte, was mich interessierte. Diese Berieselung hat mich meine ganze Schulzeit über begleitet und so bin ich auch heute noch ein Serienjunkie. Das Problem im ORF: Wenn es IRGENDEIN Sport“ereignis“ gibt, dann wird das Programm umgeworfen und so kam es sogar vor, dass ich einmal nach einem harten Schultag die geliebte Flimmerkiste einschaltete und bemerkte, dass die olympischen Spiele und damit die ganztägigen Ausstrahlungen von langweiligen Wettbewerben begonnen hatten. Ich begann tatsächlich, zu weinen.

Dr. Nachtstrom: Haha, ja da kann einen schon mal die Verzweiflung packen! Obwohl ja gerade lange Sportveranstaltungen wiederum herrlichstes Gebrauchsfernsehen sein können. Die Faszination, die ich als Kind bei Sportevents hatte (hauptsächlich Formel-1-Rennen und Ski-Abfahrtsrennen) kann ich heute definitiv nicht mehr nachvollziehen. Aber wenn man einfach eine monotone Geräuschkulisse braucht, empfehle ich die Übertragung eines Snooker-Turniers inkl. fachkundigen Kommentatoren. Es soll übrigens auch Menschen geben, die beim Geräusch von Formel1-Boliden besonders gut schlafen können. Aber wenn man sich doch lieber als aktiver Fernsehzuschauer sehen will: Die „Flimmerkiste“ ist ja heute schon längst zum interaktiven Computer mutiert.

Juliane: Das stimmt. Netflix, YouTube auf dem TV und diverse Mediatheken von Fernsehsendern haben es uns ermöglicht, sich sein Fernsehprogramm völlig unabhängig vom Zeitpunkt zusammenzustellen. UND ich verpasse keine Szenen mehr, wenn ich aufs Klo muss. Hat dir eine Szene gefallen, dann spulst du einfach zurück. Langweilst du dich, suchst du dir etwas anderes aus. Für mich sind diese Portale mittlerweile unverzichtbar geworden, vor allem für meine verschiedenen Interessensphasen: Da kann man schon mal eine ganze Staffel einer Serie in einer Woche durchboxen, bis man die rechteckigen Augen bekommt, vor denen uns unsere Großmütter immer gewarnt haben. Oder man sieht sich jede Doku zur DDR an, die man auf YouTube findet.
Trotzdem: Das Gebrauchsfernsehen (ich muss dabei sofort an die Nächte im Aufenthaltsraum meines Studentenheims denken und an Situationen, in denen 10 Leute mit einem Bier in der Hand wie hypnotisiert auf einen Bob Ross starrten, der „happy little trees“ malte) wird uns bleiben, denke ich. Nicht immer möchte man sich bewusst Information oder Unterhaltung zuführen, sondern braucht einfach ein gewisses weißes Rauschen im Kopf.

Dr. Nachtstrom: Womit wir bei der (sicherlich sehr kontrovers zu diskutierenden) These wären, dass weißes Rauschen heutzutage das Äquivalent von Stille ist. Da könnte man ja eigentlich vor dem Fernseher meditieren und zu sich selbst finden. Die Frage ist bloß, ob das funktioniert oder überhaupt gesund ist. Der Blick zum meditativen Kaminfeuer zeigt uns jedoch, dass das Feuer bald ausgeht. Ich muss das Gespräch an dieser Stelle ohnehin leider beenden, weil im Fernsehen gerade eine Sendung läuft, die ich mir unbedingt ansehen muss … Vollkommen bin ich noch nicht im neuen Zeitalter angekommen und daher leuchtet in meinem Fernsehprogramm ein dick markierter Film im Nachtprogramm auf.

Juliane: Klar, du bist zwar im neuen Zeitalter angekommen, jedoch im Herzen noch ein Baby-Boomer. Wenn du aber ohnehin beschäftigt bist, werde ich mich mal lieber durch fernsehnostalgische Videoclips auf YouTube wühlen, denn hier finden sich so einige Schätzchen:

 

 

 

 

 

 

Doc Nachtstrom

Doc Nachtstrom Bewegt sich täglich zwischen Welten: ob Science-Fiction-Fandom, seine Vorliebe für tote Rockstars und düstere Filme, seine Bücher- und Comic-Sammlung oder klassische Musik. Eröffnet ständig neue Blogs und Seiten auf Facebook und sorgt damit im Bekanntenkreis zunehmend für Heiterkeit – was seiner Freude daran keinen Abbruch tut. Beschreibt sich selbst gleichzeitig als Gourmet und Gourmand, beschäftigt sich mit Nerdtum gleichermaßen wie mit Hochkultur und mag Trash genau so sehr wie Hochqualitatives.


2 COMMENTS ON THIS POST To “Television – ein Kamingespräch”

  1. wolfgang sagt:

    das testbild als kunstwerk und die analyse des bildes finde ich genial.
    takeshis castle ist sowieso kult….

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