Letzte Ausgabe: Arbeiten
Ich habe berührt …

Ich habe berührt …

Herbstfest im Wiener Türkenschanzpark. In den Wiesen picknicken Familien, auf den Wegen schlendern Menschenmassen zwischen Imbissständen und Musikbühnen. Auf einer Bank abseits des Trubels eine alte Frau. „Wollen Sie eine Geschichte hören?“, frage ich, „ich bin hier als Erzähler engagiert.“ Sie nickt …

Als ich mit meiner chassidischen Weisheitsgeschichte fertig bin, blickt sie eine Weile versonnen vor sich hin. Dann beginnt sie selbst zu erzählen – von ihren verlorenen Söhnen, die „irgendwo“ in Deutschland leben. Als sie von ihrer Kindheit berichtet, entspannt sich ihr Gesicht, ihr Blick wird weich, sie lächelt. Wieder einmal merke ich: Erzählen ist heilsam. Und: Jede Geschichte ruft eine andere wach.

Erzählen hat so viele Facetten. Jedes Mal ist es anders, je nachdem, wo, was und für wen ich erzähle: Ob für Passanten auf einem Straßenfest oder einem Mittelaltermarkt, ob für Erwachsene bei einer Hochzeit, einer Firmenfeier oder einer Gartenparty, ob für Kinder bei einer Geburtstagsjause oder für Geflüchtete in einem Asylwerberheim. Der Bogen meines „Erzählguts“ spannt sich dabei von der heiteren Anekdote bis zum klassischen Volksmärchen.

Entscheidend für die Auswahl der Geschichten ist einzig das Bedürfnis der Zuhörer. Ein Bedürfnis, das ich für ebenso grundlegend halte wie etwa jenes nach Nahrung oder nach Liebe. Erspüren, was gerade gefragt ist, darum geht es: Weisheit oder Trost, neue Gedanken oder Spaß. Oft macht schon ein wenig Kopfkino die Menschen glücklich …

 

Ein wenig Kopfkino

 

Doch das auf die innere Leinwand zu werfen, erfordert einiges Geschick. Ich erinnere mich an eine Veranstaltung auf einer Kleinbühne. Als vor mir ein Klassik-Duo musiziert, ist es unruhig im voll besetzen Saal. Auch noch, als ich ins grelle Rampenlicht trete. Die Zuhörer im Dunkel warten, dass ich beginne. Ich lasse sie warten. Langsam kehrt Ruhe ein. Ich schweige weiter. Erst, als die Spannung unerträglich wird, spreche ich die Formel: „Vor langer Zeit, da war einmal…“ Und starte so eine 90-minütige Fantasiereise, bei der ich die Zuhörerinnen tief in meine Erzähltrance mitnehme.

Geschichtenerzählen, das wussten die Schamanen aller Kulturen, hat etwas Magisches. Deshalb wundert mich auch nicht, dass mir die meisten der über 100 Geschichten in meinem aktuellen Repertoire einfach begegnet sind. In Büchern oder bei Auftritten von Kollegen.

Begonnen hat „das mit dem Erzählen“ in meiner frühen Kindheit. Damals kam die Großfamilie noch an den Wochenenden zusammen, es wurde gekocht, gegessen, Karten gespielt und erzählt, erzählt, erzählt … Später hörte ich von „der Oma“ ein Märchen ums andere und spielte sie alle im Kindergarten nach. Vor über 30 Jahren ging es dann so richtig los: Als junger Erwachsener erzählte ich als Betreuer in Ferienheimen, als Wanderführer für Familien, bei Kunstprojekten. Ich erzählte mit Handpuppen und als Zauberer. Bis ich nach Jahren und manchem Irrweg schließlich zu meinem authentischen Stil fand – und zum Wiener Dialekt meiner Kindheit.

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Zurück in die Stuben

 

In letzter Zeit geht es mir vor allem darum, das Erzählen zurück in die Stuben zu holen. Deshalb habe ich das „Wörderner Raunachtserzählen“ (NÖ) gestartet. Dabei präsentieren sich vom Christtag bis zum Dreikönigstag 20 ErzählerInnen in den Wohnzimmern privater Gastgeber – vor insgesamt 400 ZuhörerInnen. Von denen viele erstaunt sind, „dass es das noch gibt“, das freie mündliche Erzählen.

Was die wenigsten wissen: Allein in Ostösterreich widmen sich rund drei Dutzend Frauen und Männer dieser alten Kunst. Die meisten erzählen aus Lust und Laune, manche – wie ich selbst – betreiben es semi-professionell, ganz wenige können davon leben. Via Facebook und E-Mail sind wir gut untereinander sowie mit Kolleginnen im gesamten deutschen Sprachraum vernetzt. Und kommen u.a. auch zu Raunachtsabenden zusammen.

Unvergesslich bleibt mir jener in der weitläufigen Maschinenhalle eines Bauernhofs, zu dem sozusagen der halbe Ort erschienen ist. Der riesige Ofen bullert, ich setze mich auf den Erzählersessel, um mit einer sanften Geschichte diese Raunacht zu beschließen. Es geht um einen alten Mann, der abends auf der Türschwelle einer Frau zusammenbricht. Sie wiegt ihn in ihren Armen am Kamin, dabei verjüngt sich der Mann zusehends – bis er morgens zum kleinen Buben geworden ist.

Ganz verhalten, innig möchte ich das erzählen. Ich schließe die Augen, lasse Bild um Bild in mir entstehen. Meine Worte tropfen in die Stille. Bis zuletzt das Büblein aufspringt – und das Himmelszelt hochrennt, als neue Sonne des neuen Tages.

Als ich drei tiefe Atemzüge später die Augen öffne, sehe ich über manche Wange eine Träne kullern. Ich bin glücklich – ich habe berührt …

Paul Daniel

Paul Paul Daniel ist Märchen- und Geschichtenerzähler, leidenschaftlicher Schreiber und passionierter Krimileser sowie überzeugter Müßiggänger und Genießer. Hat das "Geradeausschauen" zur Kunst erhoben. Hin- und hergerissen zwischen Bibliomanie und Naturbegeisterung führt ihn mancher Weg aus der Bibliothek in den Wald – und umgekehrt. Ist mehr Kopfarbeiter als Handwerker. Es sei denn, er rettet als Hobbybuchbinder alte Bücher oder bindet aus Second-Hand-Wälzern First-Class-Notizbücher.


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