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Heilkunst im Wandel der Zeit

Heilkunst im Wandel der Zeit

Die graue Vorzeit

Die Ursprünge unserer heutigen Heilkunst liegen weit zurück. Schon bei den Sumerern finden sich vor etwa 5000 Jahren Rezepturen zur Herstellung von Heilmitteln. Deren Zutaten sind zum Teil heute noch relevant – Opium und seine Abkömmlinge sind aus der modernen Medizin nicht wegzudenken.

Und ebenso wie die Sumerer hatten auch die Ägypter eigene Spezialisten, die mit der Zubereitung von Heilmitteln betraut waren. In beiden Kulturen waren dies Priester, die ihre Aufgaben in Tempeln erfüllten. Vor etwa 3500 Jahren entstand in Ägypten das Papyrus Ebers, eine Schriftrolle mit zahlreichen Rezepturen wie Abkochungen von Pflanzen, Salben, Pastillen, aber auch Zäpfchen und Einläufen.

Der Grieche Kheiron brachte die ägyptische Heilkunst nach Europa, wo sie von seinen Schülern aufgegriffen wurde. Über Aesculapius und Hippocrates wurde sie nach Rom gebracht, wo der Arzt Galen um 200 vor Christus lebte. Sein Werk sollte jahrhundertelang die mediterrane Tradition der Medizin beeinflussen. Viel Wissen dieser Zeit ging wieder verloren, als sich die christliche Meinung, Gott gebe die Krankheiten und der Mensch habe sie zu ertragen, ausbreitete. Dem entgegen standen die Ärzte aus dem Nahen Osten wie etwa Avicenna (ca. 1000 vor Christus), deren Doktrin zwar die Herkunft der Krankheiten ebenfalls Gott zuschreibt, aber diesen auch als den Ursprung aller Heilmittel ausweist, der Mensch müsse sie nur finden.

Parallel dazu entwickelten sich Ayurveda (man schätzt die Ursprünge auf etwa 3000 vor Christus) und die Traditionelle Chinesische Medizin. Etwa 2000 vor Christus soll von Kaiser Shen Nung das Pen ts’ao ching verfasst worden sein, ein Buch über Pflanzen und Acckerbau, dessen erster Band die Beschreibung zahlreicher Heilpflanzen enthält.

Mittelalter

Im Hochmittelalter war Prophylaxe sehr wichtig. Wer es sich leisten konnte, ernährte sich gemäß der Säfte-Lehre so, dass er möglichst gesund blieb. Denn wer den Arzt brauchte, hatte meist Pech – noch immer stützte man sich zu dieser Zeit auf das überlieferte Wissen der Römer. Interessant sind an dieser Stelle Parallelen zur Chinesischen 5-Elemente-Küche. Beide Schulen empfehlen zum Beispiel Fisch (Schleim) mit Gewürzen wie Zimt (Feuer) zuzubereiten, um die Balance zu wahren. Von großer Bedeutung, jedoch geringem Ansehen waren die echten Handwerker der Medizin, wie die Bader, Barbiere, Wundärzte und Feldschere. Diese waren jedoch für das einfache Volk, das sich keinen Arzt leisten konnte, meist die einzige Hoffnung. Zahnreißen, Starstechen, Wundversorgung und Pflege waren Dienstleistungen, die man beim Arzt oft gar nicht bekam. Von der Volksmedizin dieser Zeit, die meist Aufgabe der Frauen war, ist das in den Klöstern tradierte Kräuterwissen erhalten geblieben. Entscheidend bei der Wahl des Heilmittels war dabei die Signatur, also ein optisches Merkmal der Pflanze, das an ein Körperteil erinnert und so als Fingerzeig und damit gottgebene Arznei gewertet wurde.

Hildegard von Bingen war in dieser Zeit eine Ausnahmeerscheinung, da sie viele eigene Beobachtungen und Erkenntnisse festhielt. Obgleich auch ihr Menschen- und Krankheitsbild sich auf Galens Humoralpathologie stützt, beschreibt sie darüber hinaus einen Bezug dieser Säfte zu den 4 Elementen. Ihre Schriften erlauben uns heute Einblick in die eher schlecht dokumentierten Aspekte mittelalterlicher Heilkunst – die Domäne der Frauen.

Renaissance und Neuzeit

Mit Paracelsus begann um 1500 eine neue Ära die bis ins 17. Jahrhundert andauern sollte, auch wenn der gebürtige Schweizer zu seiner Zeit ein verkanntes Genie war. Obwohl seine Lehren der Grundstein für den Heilerfolg vieler nachfolgender Ärzte waren, bekannte sich doch kaum einer offen zu ihm. Mit seinem Beharren, die Natur zu beobachten statt die Lösung für alles Übel in alten Texten zu suchen hatte sich Paracelsus zum Feindbild vieler Zeitgenossen gemacht. Sein Erfolg gab ihm schließlich Recht – wenn auch erst deutlich nach seinem Tod. Was dann folgte kann getrost unter dem Stichwort „Empirismus“ zusammengefasst werden, denn endlich hatte man erkannt, dass neue Entdeckungen dem jahrhundertelangen Wiederkäuen alter Werke im Heilerfolg deutlich überlegen waren. Ein ungewöhnlich anmutende Beispiel dafür ist Samuel Hahnemann, der Begründer der Homöopathie. Seine Vorgehensweise war genau das, was viele seiner Anhänger heute oft ablehnen – Evidenz-basierte Medizin (sogenannte Schulmedizin). Denn aus Unzufriedenheit über den Stand der Wissenschaft seiner Zeit testete er zahlreiche Substanzen an sich selbst.

Gegenwart und Zukunft

Im Lauf der Zeit verloren pflanzliche Arzneimittel zusehends an Bedeutung und wurden durch immer mehr chemische Entdeckungen ersetzt, die wiederum heute mehr und mehr der Biotechnologie weichen. Dies sind die modernen „Biologicals“, Arzneimittel die körpereigenen Eiweißstoffen und Nukleinsäuren nachempfunden sind, wie zum Beispiel Insulin oder das durch diverse Doping-Skandale in Verruf geratene Erythropoietin. Sie werden hergestellt, indem man Mikroorganismen, tierische oder pflanzliche Zellkulturen oder sogar ganze Pflanzen biotechnologisch verändert, so dass sie die gewünschten Moleküle produzieren. Was uns in Zukunft blüht, klingt sogar noch mehr nach Science-Fiction: Nanoroboter, die im Körper Krebszellen eliminieren, Gefäßverletzungen flicken oder ein defektes Immunsystem ersetzen sind jetzt schon denkbar.

 

 

Mirjam Spachinger

Mirjam Eine pedantische Chaotin mit vielen Leidenschaften, die sie sorgsam pflegt: sei es Zeit mit ihrem Partner oder Freunden zu verbringen und zu blödeln, mit ihren Katzen zu schmusen, im Mittelalterverein das Schwert zu schwingen, aktiv zu sein oder mal die Seele baumeln zu lassen. Dem berufsbedingten weißen Mantel – sie ist Apothekerin – setzt sie privat flauschige Socken in unsäglichen Farben, am liebsten geringelt oder getupft, entgegen, weil sie ihr Geborgenheit und Wohlsein schenken.


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ONE COMMENT ON THIS POST To “Heilkunst im Wandel der Zeit”

  1. Martina Hofer Martina Hofer sagt:

    Danke liebe Mirjam, diese Zusammenfassung ist bestens gelungen und gibt einen guten Überblick!
    Herzliche Grüße aus Tirol, Martina

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