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Gutes Licht – schlechtes Licht

Gutes Licht – schlechtes Licht

Angeblich brennt sie noch immer und hat es mit ihrer Langlebigkeit ins Guiness Buch der Rekorde geschafft. Die dienstälteste Glühbirne der Welt hängt in der Feuerwache der kalifornischen Stadt Livermore und brennt seitdem sie im Jahre 1901 ihren Dienst angetreten hat. Und das 24 Stunden am Tag. Da wird man nachdenklich in einer Zeit, wo viele sich über die Kurzlebigkeit ihrer elektronischen Geräte beklagen. Die von der Industrie geplante Obsoleszenz der Güter kursiert schon lange in den Medien genauso wie die Diskussion, dass das Licht von Energiesparlampen, Leuchtstoffröhren und Co gesundheitsschädlich ist.

Moderne Augenmedizin und Zellbiologie zeigen, dass die Zusammensetzung des Lichtspektrums, dem der Mensch ausgesetzt ist, Auswirkungen auf unseren Organismus und damit auf unsere Gesundheit hat. Der Mensch hat sich im Laufe der Evolution über Jahrtausende im Freien aufgehalten und gearbeitet. Erst seit der industriellen Revolution vor circa 150 Jahren leben wir überwiegend in geschlossenen Räumen mit indirektem oder künstlichem Licht. Wir können daher davon ausgehen, dass wir heute in Lichtverhältnissen leben, für die unser Körper nicht gemacht ist … oder dass er gerade erst dabei ist, sich daran anzupassen. Doch noch immer sind wir vom Tageslicht abhängig.

 

Die Sonne verwöhnt uns mit 100.000 Lux und allen Regenbogenfarben

Die Sonne verwöhnt uns an einem schönen Tag mit einer stolzen Beleuchtungsstärke von 100.000 Lux. An einem Tag im Haus oder im Büro müssen wir uns mit 1.000 Lux begnügen. Licht umgibt uns ständig, kein Reiz beeinflusst uns so umfassend und so unbeachtet wie das Licht. Der deutsche Raumgestalter Vincent Saty bezeichnet es als ein „besonderes Lebensmittel“. Viele glauben, dass Licht in erster Linie der Wahrnehmung und Orientierung im Raum dienlich ist, doch im Grunde verhält es sich so, dass das Licht, das wir zu 90% über die Augen aufnehmen, den gesamten menschlichen Organismus organisiert. Das Sonnenlicht nährt eine Vielfalt an, zum Teil noch unerforschten, Vorgängen in unserem Körper. Es beeinflusst den Stoffwechsel, das Immunsystem, sämtliche Hormone, unseren Blutdruck, unser Sexualleben und auch unsere Stimmung. Den meisten künstlichen Leuchtmitteln fehlen wichtige Bestandteile des Sonnenlichtspektrums, was unseren Rezeptoren im Auge die angemessene Interpretation dieser unnatürlichen Lichtsignale erschwert.

 

Kaltes LED und hässliche Energiesparlampen

Wir verbringen immer mehr Zeit vor Bildschirmen, die mit LED (Light Emitting Diodes) ausgestattet sind. Nicht nur Computer sondern auch Fernsehbildschirme nutzen zunehmend diese Technologie. Die Leuchtdioden geben dabei viel Licht im Frequenzbereich von 464 Nanometern ab. Es ist bereits bekannt, dass Licht in diesem bläulichen Wellenlängenbereich den Spiegel des Schlafhormons Melatonin im Körper senkt, was sich störend auf den Schlaf-Wach-Rhythmus auswirkt. In hoher Dosis kann Blaulicht auch die Netzhaut schädigen. Laut Professor Dr.med. Richard Funk von der Technischen Universität Dresden sind heute alle Menschen über 55 Jahren von der Gefahr einer „Makula-Degeneration“ (Netzhautschädigung im Bereich des Sehzentrums, gelber Fleck) bedroht. Etwa ein Drittel der Menschen im Alter über 75 Jahre leidet an Alterserblindung. Einige LED-Lampen sind bis zu 1.000-mal lichtintensiver als traditionelle Beleuchtungen, wodurch auch die Gefahr der Blendung besteht. Auch das nicht sichtbare Flimmern von Monitoren kann zu Sehbeschwerden führen.

Ich kann mich noch gut an den Kauf meiner ersten Energiesparlampe erinnern. Mit Energiesparlampen habe ich zunächst ein ästhetisches Problem. Sie erzeugen ein fluoreszierendes Licht, das beim Einschalten einfach alles fahl und tot ausschauen lässt. Ich brauche mich nicht zu wundern. Stammesgeschichtlich sind wir Menschen an brennendes Licht gewöhnt. Blitz, Sonnenlicht, Feuer oder sogar die traditionelle Glühbirne – all das ist brennendes Licht. Fluoreszenzlicht dagegen kommt in der Natur allenfalls als Nordlicht, Glühwürmchen oder an diversen skurrilen Quallen oder Tiefseefischen vor. Und genauso fremdartig kommt mir ein Raum vor, der mit Energiesparlampen ausgeleuchtet ist. Kein Licht zum Wohlfühlen. Ganz abgesehen davon, dass sich im Vorschaltgerät von Energiesparlampen neben Quecksilber Schwermetalle wie Chrom, Cadmium und Blei befinden. Gift, das ganz streng als Sondermüll behandelt werden muss. Die Schadstoffe einer Glühlampe oder einer Halogenlampe, so hört man, sind dagegen vernachlässigbar.

Doch es gibt auch seit langem den Verdacht, dass Leuchtstofflampen ungesund sind. Der Amerikaner John Ott, Trickfilmer der Disney-Studios, beobachtete in den 70er Jahren, dass bei Langzeitaufnahmen von Pflanzen, die er mit ganz gewöhnlichen Leuchtstoffröhren anstrahlte, bald an etlichen gravierende Erbgutschäden auftraten. Ott nahm an, dass dies auf einen Mangel im Leuchtstoffspektrum zurückzuführen sei (Health and Light, USA 1976/deutsch bei Knaur 1989 „Risikofaktor Kunstlicht“). Seine Forschungen verliefen allerdings im Sande. Dass zu viel Kunstlicht gar zu Krebs führen könnte, ist seit Jahren Thema auf Kongressen. Wissenschaftlich haltbare Beweise und repräsentative, epidemiologische Untersuchungen an Menschen gibt es nicht.

 

Lichtverschmutzung nimmt zu

Es gibt jedoch sehr wohl Angaben über die steigende Umweltverschmutzung, zu der auch die Lichtverschmutzung zählt. Die durch Leuchtreklame, beleuchtete Bürohäuser oder Denkmäler, ineffiziente Straßenlaternen und den Straßenverkehr verursachte Lichtverschmutzung nimmt weltweit jährlich um sechs Prozent zu. In vielen Metropolen ist es kaum mehr möglich, den nächtlichen Sternenhimmel in seiner vollen Pracht zu bewundern. Allein in Wien ist der Nachthimmel etwa 1.500 Mal heller als vor den Zeiten der Glühbirne, berichtet der Standard in seiner Ausgabe vom 8. April 2015. Nachdem Licht einer der stärksten Taktgeber in der Natur ist, gefährdet zu viel Kunstlicht das ökologische Gleichgewicht. Nachfalter werden magisch von der Straßenbeleuchtung angezogen – und verbrennen. Orientierungsfehler in der Tierwelt, Störungen im Hormonhaushalt sowie Änderungen im Sexual- und Brutverhalten werden erforscht und mit der zunehmenden Lichtverschmutzung in Verbindung gebracht. Auswirkungen auf den Menschen sind naheliegend.

 

Moderne Lichtplanung schafft Perspektiven

Die Forschungen über Zusammenhänge von Licht und Gesundheit sind jung. Vollspektrumlampen können für viele von uns eine Alternative sein. Neueste LED und OLED-Technologien (Organic Light Emitting Diodes) haben zahlreiche vorteilhafte Eigenschaften. Sie ermöglichen menschengerechtere Lichtatmosphäre durch flexible, stufenlose Regelungen von Farbtemperaturen, Stärken und Frequenzen. Oliver Stefani, Lichtdesigner und zweifache Innovations-Preisträger, forscht am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO in Stuttgart. Eine besondere Lösung für das Büro hat Stefani selbst entwickelt: den „Virtual Sky“, einen virtuellen Himmel. Das ist eine 54 Quadratmeter große dynamische Lichtdecke, bestehend aus knapp 35.000 Leuchtdioden, die unter anderem vorbeiziehende Wolken, Morgenröte, Sonnenaufgänge oder Abenddämmerungen simulieren kann.

Wer sich kein künstliches Naturparadies leisten möchte, der möge sich an seine Vernunft halten. Es wäre ratsam, bei der Beleuchtung der Welt so diszipliniert und maßvoll zu handeln wie bei der Nahrungsaufnahme. Je natürlicher und ausgewogener umso besser.

Wir werden darauf zu achten haben, dass wir in Zukunft auch energiebewusst in der Kunstlichtwelt leben. Und wir sollten lernen, die Dämmerung und die Dunkelheit entspannt wieder zuzulassen. Außerdem …Kerzenlicht ist ohnehin romantischer als jede Diode.

 

Weiterführende Links und Quellenangaben:

 

www.lichtundfarbe.at

www.bauabiologie.de

www.gluehbirne.ist.org

www.saty.de

www.es-werde-lux.de

www.lichtverschmutzung.de

 

Eva Draxler

Eva Restlos verträumte Luftschloss-Expertin, ungeerdet aber doch mit einer Hands-on Mentalität aus dem südlichen Waldviertel. Liebt, wie könnte es anders sein, Mohn in allen Variationen. Und Gedichte! Sie ist leidenschaftliche Schauspielerin, Yogalehrerin und geht am liebsten mit ihrem praktisch-romantischen Vintage-Kleid aus Brooklyn durchs Wiener Stadtleben.


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