Letzte Ausgabe: Arbeiten
Freuden- und andere Tränchen

Freuden- und andere Tränchen

Als wir verlautbarten, in einem Jahr heiraten zu wollen, erwarteten wir großes Kino. Sie würden uns um den Hals fallen. Mein Vater würde in Tränen ausbrechen: „Champagner für alle! Meine Tochter wird heiraten!“ Mama würde die Hände meines Zukünftigen ergreifen und mit brüchiger Stimme „Mein Sohn!“ flüstern.

Die tatsächliche und etwas nüchterne Reaktion fiel anders aus: „Ah. (PAUSE!) Und habt’s schon was geplant? Eh kirchlich, oder?“

 

Let the show begin

Beim ersten Stöbern in Facebook-Gruppen wurde ich fast erschlagen von den To Do’s der anderen Bräute. Vielleicht war ich als Landkind auf zu vielen traditionellen Hochzeiten von Leuten mit nur einem Großelternpaar gewesen. Ich konnte die Bräute in der Gruppe zwar gut verstehen, deren Tag perfekt werden sollte und die all die Dinge umsetzen wollten – aber irgendwie kam es mir für uns nicht richtig vor, daraus eine „klassische“ Hochzeit mit diesen wahnsinnig vielen Details und Traditionen zu machen.

Papeterie. Candy Bar. Photo Booth. Wurfstrauß. Wedding Wands. Und meine persönlichen Favoriten: Die Freudentränchen. Das sind kleine Taschentücher, sorgfältig designed und verpackt. Jeder Gast bekommt so ein Päckchen überreicht, damit er seinen Freudentränen freien Lauf lassen kann. Angesichts der nicht gerade emotionalen Aufnahme unserer Verlobung stellte ich mir diese Situation besonders abstrus vor.

 

„Und dann werden Sie in den Kerker gesperrt …“

Einige innerfamiliäre Irritationen später war geklärt, dass wir „nur“ standesamtlich heiraten wollten. Nach der langen Suche besichtigten wir die erste Location: ein kleines Schlösschen im Westen von Graz. Die Schlossherrin führte uns stolz durch die Räume und erklärte uns genau den Ablauf unserer Feier. Wo wer zu sitzen hatte, wie die Feier abzulaufen hatte, wie die Tischdeko sein musste. Aha.

Als wir uns 10 Minuten später im Schlosskeller befanden, wurde mir mit erhobenem Zeigefinger geschildert, dass ich dann um Mitternacht mit dem „Herrn Baron“ (ja, so nannte die Dame ihren Ehemann) im Schlosskerker eingesperrt würde. Für ca. 15 Minuten, bis mein Bräutigam mich „fände“. Unsere Blicke trafen sich und mein Freund konnte mir die Panik ansehen. 900 Sekunden zähflüssiger Smalltalk mit dem ältlichen Baron in diesem nur schwach beleuchteten Raum, der irgendwie nach Schnaps und Schimmel roch. Oh – sowas von nein.

 

Schlechte Vorzeichen

Wenigstens mein Kleid hatte ich schon. Nach langer Suche hatte ich es zuhause und war begeistert. Irgendwie Vintage, irgendwie cool, irgendwie romantisch. Es war perfekt. Eine kurze Frage ins Arbeitszimmer, wo mein Freund saß: „Soll ich kommen?“
Und schon trippelte ich auf pinken Socken mit jeweils einem halben Katzengesicht drauf (wenn man die Füße zusammenstellt, ergibt das natürlich ein ganzes Gesicht) herein. Seine Augen begannen zu glänzen. Er nahm meine Hand und flüsterte, wie wunderschön ich aussähe. Ich konnte in seinen Augen sehen, wie begeistert er war. Wir umarmten uns innig – der Moment war perfekt.

Am nächsten Tag zeigte ich das Kleid meiner Schwiegermutter.

„Sehr hübsch, wirklich! Mei, der wird Augen machen, wenn er dich so am Standesamt sieht! Zeigst es ihm eh noch nicht, oder?“

„Ääääh … nnnein?“

Mein Freund und ich vereinbarten, ihr nichts davon zu sagen, dass er das Kleid ohnehin schon gesehen hatte. Am nächsten Tag (!) trafen wir sie wieder und er begann den üblichen Tratsch mit den Worten „Gell, hübsch schaut sie aus in dem Kleid, oder? Mir sind echt fast die Tränen gekommen.“ Ups.

 

Das Schuhproblem

Was die Schuhe betraf, hatte ich bereits einen Plan: bequeme Billig-Pumps und weiße Flipflops für später. Meine Mutter war entsetzt und konnte mich überreden, mit ihr auf einen Shoppingtrip zu gehen, um „ordentliche“ Schuhe zu kaufen. Begleitet wurden wir von meiner zweijährigen Nichte. Wir hatten uns viel Zeit für die sechs Schuhgeschäfte genommen, denn – so meinte meine Mutter – man könne bei der großen Auswahl nicht so einfach das erstbeste Paar nehmen.

Eine halbe Stunde und sechs gequält lächelnde und den Kopf schüttelnde Schuhverkäuferinnen später saßen wir schweigend in einem Cafè und sahen meiner Nichte beim Eisessen zu. Sie war glücklich, denn sie hatte neue weiße Schühchen bekommen. Bequem und stabil sahen sie aus und Blümchen waren an den Seiten. In Größe 40 gab es sie nicht, ich habe gefragt. Wir blieben bei den Pumps vom Diskonter und den Flip-Flops.

 

Endspurt

Ich war eigentlich glücklich, aber die „Brautmutter“, wie sie sich in letzter Zeit auffallend oft genannt hatte, nicht so sehr. Wenigstens eine Hochsteckfrisur mit echten Blumen müsste ich mir machen lassen, das wäre klar (sie wusste noch nichts von den Stoffblümchen aus der Accessoires-Abteilung von H&M, die ich schon für meine planmäßig offenen Haare gekauft hatte). Auch unser Plan, keine Band zu buchen, sondern eine in monatelanger Arbeit entwickelte Playlist abzuspielen, wurde nicht gerade gut aufgenommen. Nach einem weiteren Tag voller Diskussionen darüber, ob Sachertorte und Cupcakes ein geeignetes Hochzeitsdessert sind, war der Moment da, in dem ich mit Zornestränen in den Augen vor mich hin motzte: „Was für eine Schnapsidee, überhaupt so eine Feier machen zu wollen. Wir hätten uns einfach in Jeans und T-Shirt werfen und heimlich heiraten sollen!“

Mein Freund sah mich kurz prüfend an und grinste dann. „Wart mal.“
Aus dem Wohnzimmer hörte ich Geraschel und glaubte, zwischendurch ein „Kruzitürkn“ zu hören. Dann klopfte es an der Tür zum Arbeitszimmer und vor mir stand … mein Ehemann. Von Kopf bis Fuß eingekleidet, mit schickem Anzug, geputzten Schuhen, Fliege und Einstecktuch. Er sah wirklich bombenmäßig aus und meine Augen begannen, verräterisch zu kribbeln. Die Wasserwerke setzten wieder ein, doch diesmal aus Rührung. Das war der Mann, der mein Mann werden sollte und der genau wusste, wie er mir die Freude an unserem großen Tag wieder zurückbringen konnte.

 

Dass die Anzughose noch gekürzt werden muss, wir uns noch nicht für eine Torte entschieden haben, meine Jacke noch nicht den Weg aus Amazonien zu uns gefunden hat – das alles behalten wir vorerst mal für uns.

 

P.S.: Juliane ist nicht nur Braut, sondern begleitet Hochzeiten auch mit ihrer Singstimme: „Schlicht und ergreifend“ – Hochzeitssängerin in Graz

Juliane Brantner

Juliane Leidenschaft hat für sie auch mit Leiden zu tun: Am tagesaktuellen Ausmaß ihrer Augenringe erkennt man, wie lange sie nachts ihren Vorlieben gefrönt hat. Sich Wissen anzueignen und selbst Dinge beizubringen, ist eines ihrer liebsten Hobbys. Dabei ist ihr egal, ob es um Kleinigkeiten geht oder um Wissen, das sie für ihren Beruf braucht. Ihre guilty pleasures erfüllen sie längst nicht mehr mit Schuldgefühlen. Kann sie dann noch regelmäßig auf der Bühne oder in einem Proberaum singen, ist sie einfach glücklich.


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