Letzte Ausgabe: Arbeiten
FARBEN DER NATUR

FARBEN DER NATUR

Eine Begegnung der bunten Art

Mit Heilpflanzen, ihrer Verarbeitung, Wirkweise und Anwendung beschäftige ich mich schon seit einigen Jahren. Ständig lerne ich dazu und tauche immer tiefer in die Schatzkiste der Natur. Im Sommerurlaub 2013 machte ich eine besondere Entdeckung, die mich bis heute fasziniert: das Färben mit Pflanzen.

Vor fast drei Jahren verbrachten wir den Familienurlaub im urigen Ultental in Südtirol, wo wir eine Woche lang in einem Bergbauernhof hoch über dem Tal residierten. Ich interessierte mich schon lange für die „Winterschule Ulten“, in der traditionelles Handwerk des Alpenraumes, vor allem das wertschätzende Arbeiten mit natürlichen Rohstoffen vermittelt wird. Ein Besuch bei Gründerin Waltraud Schwienbacher auf ihrem Hof „Kräuterreich Wegleit“ war für mich deshalb ein Muss. Es war ein faszinierender Ausflug, der mich nachhaltig beeinflusste.

Die Hausherrin führte uns durch ihre wunderbaren farbenprächtigen Heilpflanzengärten und zeigte uns die wertvollen Naturprodukte, die auf dem Hof hergestellt werden. Der Verkaufsraum mit all den kunstvollen und duftenden Kräuterschätzen ist wirklich sehenswert. Was mich aber sofort in den Bann zog, war die Kleidung von Frau Schwienbacher. Nicht nur das fließende schöne Material beeindruckte mich, sondern vor allem die besondere Ausstrahlung der Farben. Als ich erfuhr, dass die Stoffe mit der Marokkanischen Malve und mit Lärchennadeln gefärbt wurden, war es um mich geschehen! Ich wollte unbedingt lernen, wie die Pflanzenfärberei funktionierte.

Ringelblume 1

 

Die Kunst des natürlichen Färbens

In der Wollmanufaktur St. Walburg („Bergauf“ – eine Sozialgenossenschaft, wo der heimische Rohstoff Schafwolle auf vielfältige Weise veredelt wird) bekam ich dann Einblick in Theorie und Praxis der Färbekunst. Eine sehr engagierte Mitarbeiterin gab ihr Wissen und ihre Erfahrung großzügig an mich weiter, während sich meine Familie dem Filzen von Wolle widmete. In der hellen großen Werkstatt standen mehrere Färbekessel, in denen die gewaschene, vorbehandelte (gebeizte) Wolle eingelegt war. Unterschiedlichste Farben waren zu sehen und ich erfuhr, dass es sich z.B. um ein Bad aus Birkenblättern, Goldrute oder Färberkrapp handelte. Vorne im Verkaufsbereich hingen Tücher und Wollstränge in den herrlichsten Farbtönen, die alle wunderbar miteinander harmonierten – ein optischer Genuss!

Unsere Kleidung als „zweite Haut“

Schon bei der Hofführung im Kräuterreich Wegleit wurde uns erklärt, wie wichtig das Material unserer Kleidung ist, schließlich tragen wir sie Tag und Nacht, wie eine zweite Haut. Wenigen Menschen ist bewusst, welchen Einfluss die Qualität des Stoffes – ob natürlich oder künstlich – und vor allem auch die Art der Färbung auf unseren Organismus hat. Chemisch gefärbte Stoffe enthalten Giftstoffe, die auf Dauer eine negative Auswirkung auf unseren Körper haben können. Natürliche Materialien, vor allem Wolle können Schweiß und auch Giftstoffe aufnehmen, neutralisieren und an die Luft abgeben. Natürlich gefärbte Stoffe haben zudem eine besondere harmonische Ausstrahlung und angenehme Wirkung – auf Körper, Geist und Seele.

 

Färberküche mit Birkenblättern 2

Die Färberküche

Verschiedenste Pflanzenstoffe können für das natürliche Färben von Wolle bzw. Stoffen verwendet werden. Darüber berichteten schon der griechische Arzt Dioskurides oder der Naturforscher Theophrastos (Schüler von Aristoteles). Über die Färbetechniken selber gibt es wenig schriftliche Überlieferungen, sie wurden von Generation zu Generation weitergegeben. Nach der Einführung der chemischen Färberei geriet das Wissen um die Handwerkskunst der Pflanzenfärberei leider immer mehr in Vergessenheit. Die alten Autoren beschreiben allerdings die Behandlungsmethode von Wolle in der Antike auf die gleiche Weise:

  • Mit gegärtem Urin und Kalkwasser wird die Wolle entfettet
  • Mit Alaun und Weinstein wird sie gebeizt
  • Mit verschiedenen Farbstoffen wie z.B. Purpur (Schnecke) und Waid wird gefärbt.

In der heutigen Färberei können wir auf Urin und Kalkwasser verzichten, zumindest habe ich diese Vorgangsweise noch nirgends gesehen oder selber angewendet 😉

Zum Färben sollten die verwendeten Pflanzenteile gut zerkleinert und vor allem getrocknetes Material schon am Vortag in heißes Wasser eingeweicht und über Nacht stehen gelassen werden, auch mehrere Tage. Die Färbepflanzen können auch in ein Wäschenetz gegeben werden. Nach der Einweichphase sollte alles ca. eine Stunde lang gekocht werden, der Färbesud kann ohne weiteres noch eine Nacht stehen bleiben. Je nach Pflanzen, Zeit und Lust experimentiere ich hier, die Ergebnisse variieren und manchmal gibt es auch Überraschungen!

Jetzt kommt die gebeizte, feuchte Wolle in den Färbetopf. Das Beizen der Wolle ist wichtig, damit die Fasern aufgeschlossen werden um die Farbe gut aufnehmen zu können. Dazu verwendet man in der Regel Alaun (in der Apotheke erhältlich, wurde früher auch zum Gurgeln verwendet). Das Beizmaterial wird in heißem Wasser gut aufgelöst und die (bereits lauwarm feuchte!) Wolle darin gut bedeckt ca. eine Stunde gekocht. Anschließend wird sie gut ausgedrückt oder vorsichtig geschleudert.

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Die Wolle sollte gut mit dem Farbwasser bedeckt sein (eventuell mit Wasser auffüllen, maximal ca. 1000 g Wolle pro Topf), dann wieder gut eine Stunde sanft geköchelt und langsam abgekühlt werden. Wollflocke sowie Strangwolle lassen sich beides gut färben, letztere sollte vorher auf jeden Fall zweimal abgebunden werden, sonst ist die Wolle nach dem Färbebad kaum noch zu entwirren! Ein Farbsud kann nocheinmal verwendet werden, der Farbton wird dann eben heller.

Die gefärbte Wolle wird nun so lange in gut temperiertem Wasser ausgewaschen, bis keine Farbe mehr austritt. Anschließend kommt die gefärbte Wolle für 15 – 30 Minuten in Essigwasser (1 Esslöffel Essigessenz), damit wird die Farbe fixiert. Jetzt wird die Wolle nicht mehr gewaschen, sondern nur noch ausgeschleudert und getrocknet.

Vor der Fixierung kann man die Wolle auch zwei oder dreimal hintereinander im Färbesud köcheln lassen. Nach jedem Durchgang wird ausgeschleudert, eine halbe Stunde gelüftet (am besten draußen am Wäscheständer) und der Vorgang wiederholt.

Um mehr Farbnuancen zu erhalten, kann die gefärbte Wolle noch entwickelt werden. Dazu darf sie aber nicht gespült werden sondern wird noch einmal im Farbbad eine Viertelstunde geköchelt, in welches zuvor ein Entwicklungssalz gegeben wurde. Mit Eisensulfat z.B. werden Rottöne violett, gelb wird zu grün und mit Pottasche werden Farben intensiviert.

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Farbbeispiele

Gelb erhält man mit Färberwau/Reseda, Birkenblättern, Brennnesseln, Goldrute, Rhabarberwurzel, Schafgarbe, Tagetes, Ringelblume (safrangelb) oder Färberdistel (gelb/organge)

Grün/Oliv entsteht durch Überfärbungen bzw. durch Entwicklung der meisten gelben Farben (mit Eisensulfat); frische Erikazweige ergeben ein sattes grün, Herzgespann (ganze Pflanze) dunkelgrün, weiters eignen sich Eschenblätter, auch Farnkraut

Beige Farbtöne bekommt man z.B. mit Eichen-/Walnussblättern, Brombeerblättern, Flechten, Brennnesseln

Braun mit Flechten, Walnussschalen/rinde, Kastanienblätter (rotbraun)

Rot mit Cochenille (Laus, teurer Farbstoff), Krapp (Wurzel, nicht pulverisiert), Blutwurz (rot-rosa)

Blau mit Indigo,

Violett mit Holunderbeeren, Malve (marokkanische)

Türkis mit Birkenblättern (2 Bäder) und Indigo (3. Färbebad)

Wer sich einmal auf die Natürliche Färberei eingelassen hat und gerne in der Küche experimentiert, der wird bestimmt bald vom Färbevirus erfasst! Für mich ist der Färbeprozess immer wieder spannend, denn es gibt auch Überraschungen!

Ich freue mich schon auf ein neues buntes Pflanzenjahr! Meine Freundinnen sind noch fleißig beim Wolle spinnen, damit ich genug Nachschub für meine Farbtöpfe habe. Wer sich noch mehr in diese Materie vertiefen möchte, dem empfehle ich das schöne Buch von Eva Jentschura „Mit Pflanzen färben, ganz natürlich“. Hier findet man allerhand Tipps und Rezepte.

Im Kräuterreich Wegleit im Ultental bietet die Naturlebensschule Ultental schöne Seminare und Werkstätten an, auch zum Thema „Die Kraft der Wolle“: http://kraeuterreich.com/

Viel Inspiration, Freude und Spaß beim Ausprobieren wünscht euch

Martina

(Ich freue mich auf Rückmeldungen und Austausch: maho.tirol@ymail.com)

 

 

Martina Hofer

Martina Leidenschaftliche, verwurzelte Tirolerin, die es liebt, nachts mit Freunden am Lagerfeuer zu singen und Geschichten zu erzählen. Berge bedeuten für sie Freiheit, ihre Mythen und Wirkung auf die Menschen wecken Martinas Forschergeist. Die gut geerdete und ehrliche Lebenseinstellung aber auch die Verbundenheit mit Pflanzen und Tieren wurden ihr bereits in der Zillertaler Heimat in die Wiege gelegt, vieles davon gibt sie als Naturbotschafterin und Kräuterfachfrau entschlossen und authentisch weiter.


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