Letzte Ausgabe: Arbeiten

Eurovision – hat der Song Contest eine politische Dimension?

„Austria – twelve points“

Es hört gar nicht mehr auf, Punkte zu regnen: Wie Goldmarie steht sie da oben und scheint selbst nicht fassen zu können, was da passiert. Mir läuft die Gänsehaut über den Körper und rein in meinen Bauch, ich muss weinen, ein bisschen, schöne Tränen der Freude und der Kraft, ja, wir kriegen das hin, egal was falsch läuft auf dieser Welt, wir verändern es, Schritt für Schritt. So, dass es uns allen gut geht, jedem auf seine ganz spezielle Art und wir uns über unser aller Glück freuen. Naiv, wunderbar naiv. Ich fliege mit auf dem goldenen Licht des Phönix.
Am nächsten Tag sind weltweit die Tageszeitungen entzückt, manche entrüstet, aber der Großteil der mir durch Internet und andere Medien zugänglichen Welt ist auch auf dem Trip.

Ich telefoniere mit meiner lieben Freundin, die in der Schweiz lebt. Sie ist, ähnlich wie ich, eher der kritische Typ: alles hinterfragen, erst überprüfen, dann freuen oder ärgern oder was eben angebracht ist. „Mir ist es genau so gegangen, auch Gänsehaut und das Gefühl, da passiert gerade etwas Wichtiges“, sagt sie. Gemeinsam freuen wir uns darüber, dass wir uns so gefreut haben und dass die Welt sich gerade so freut, zumindest die, die uns zugänglich ist. Ob sich in Somalia oder Afghanistan gerade jemand auch so einen Haxn ausfreut wie wir, bezweifle ich. Aber in dem, was mich ausschnittsglobal, wie wir eben orientiert sind, umgibt, herrscht Aufbruchsstimmung, ähnlich wie bei der Wahl von Obama. Neues und Ungewohntes ist möglich, Mensch sein in all unserer Vielfalt scheint möglich.

Hat der ESC eine politische Dimension?

Wenn man mich fragt, hat alles eine politische Dimension. Jede Handlung oder Nichthandlung eines Menschen ist in irgendeiner Form politisch und nimmt Einfluss auf die Gemeinschaft, die wir bilden. Also natürlich auch die Durchführung und Teilnahme, das Zusehen beim oder das Ignorieren des Eurovision Song Contest.

Aber es gibt auch eine ganz offensichtliche, klar politische Seite des ESC, die sich seit seiner Gründung wie ein roter Faden beständig neben der musikalischen Seite gehalten hat. Mal stärker, mal schwächer ausgeprägt, aber immer da. In den Regularien der EBU (Europäische Rundfunkunion) heißt es zwar, dass „Texte, Ansprachen und Gesten politischer Natur […] während des Contests untersagt [sind]“. Und dennoch schaffen es jedes Jahr auch Beiträge in den Wettbewerb, die eine gesellschaftskritische-politische Dimension haben.

1968 wurde der Vertreter Spaniens, der seinen Beitrag auf Katalanisch singen wollte, von Franco gegen eine unkritischere Stimme ausgetauscht.
In den frühen 70er Jahren wurde im Geiste der 68er Bewegung der Weltfrieden besungen.
Portugal nahm 1974 mit einer vordergründig schnulzigen Herz-Schmerz-Ballade teil, die aber national zum symbolischen Lied und schlussendlich zum Geheimsignal der Nelkenrevolution wurde.
1982 als gerade der Falklandkrieg und die Nachrüstungsdebatte in Deutschland Europa beschäftigten, gewann Nicole mit „Ein bißchen Frieden“ die Herzen der Menschen.

Acht Jahre später, nach dem Fall der Berliner Mauer und kurz vor dem Maastrichter Vertrag (1992), dem Gründungskontrakt der Europäischen Union, sang Simone für Österreich „Keine Mauern mehr“ und Toto Cutugno gewann mit „Insieme 1992“ – zu Deutsch „gemeinsam 1992“ – für Italien.

2004 gewann Ruslana für die Ukraine, in diesem Jahr begann auch die Orange Revolution im Land und Ruslana wurde gemeinsam mit dem Boxer Vitalij Klitschko eines der Aushängeschilder der Bewegung. 2006-2007 war sie Abgeordnete im ukrainischen Parlament.

Aserbaidschan war 2012 Austragungsort und bereits im Vorfeld wurden diverse Menschenrechtsverletzungen im Land von der Öffentlichkeit angeprangert und im Rahmen des ESC thematisiert. Russlands Beitrag wurde 2014 aufgrund des Ukraine-Konflikts ausgebuht.

Dieses Jahr wurde der ursprüngliche Titel des jedenfalls politischen Beitrags Armeniens „Don’t Deny“ zu „Face the Shadow“ umbenannt. Der Inhalt, die Erinnerung an den Völkermord an den Armeniern im ersten Weltkrieg bleibt lyrisch umrissen, macht aber bei genauerer Betrachtung nachdenklich.

Wo endet Europa? Wo fängt es an?

Nachdenklich stimmt in dem ESC-Szenario auch die wild anmutende Mischung der teilnehmenden und zusehenden Nationen. Da es der EBU vornehmlich um Frequenzvergaben, Reichweite und Gewinn geht, erstreckt sich der Ausstrahlungsraum des ESC auf Nordafrika und Vorderasien. Kanada und Australien haben sich schon lange als Fans des europäischen Spektakels geoutet. Australien konnte heuer auch erstmals durch Aufweichungen des Reglements mit einem Beitrag teilnehmen, während Kosovo, dessen völkerrechtlicher Status noch nicht geklärt ist, bei diesem Künstler-Wettbewerb, der sich den eigenen Regeln nach als nicht politisch definiert, ausgeschlossen bleibt.

Die Grenzen Europas werden eben unterschiedlich gedeutet.

Wir sind Wurst

Österreichs Ruf in Europa war ein bisserl angeknackst, man kann nicht so lange von Sisi, Mozart, Sachertorte und Schwarzenegger zehren, wenn es einen medial beachteten Rechtsruck, einen Fall Kampusch und ein „Fritzl-Monster“ im Land gibt. Doch dann kam Conchita. Durch sie wurde ein anderes, ein neues Bild von Österreich gezeichnet.
Obwohl sie genau genommen nicht Österreich repräsentiert, sie repräsentiert auch nicht die LGBT-Community. Mit ihrer Eleganz ist die Kunstfigur Conchita Wurst die personifizierte Unantastbarkeit der Menschenwürde. Sie hat eine Botschaft und sie nutzt und genießt die große Bühne, um ihre Vorstellungen einer besseren Welt unter die Menschen zu bringen. Mit Erfolg.

195 000 000 Menschen haben 2014 den ESC gesehen, heuer waren es 197 Millionen, die Tendenz ist weiter steigend und trotz des viel besprochenen Europafrusts wird das Publikum auch immer jünger. Der Eurovision Song Contest ist das verlorengegangene Lagerfeuer, um das sich eine fast 200 Millionen Menschen zählende Gruppe vereint und sich diesem Panoptikum von Kitsch und Skurrilitäten hingibt. Dass das in breiten Schichten besser ankommt als ein eigens ins Leben gerufener Karlspreis für Verdienste um die europäische Einigung, ist offensichtlich. Popkultur ist massenkompatibel.

Die Weichen stehen auf Vielfalt

Es gewinnt nicht unbedingt die zugrundeliegende gesellschaftspolitische Message, es zählt vor allem die Show. Alles was exotisch und anders ist erntet Punkte. Aber die Botschaft kommt trotzdem an. Wird zumindest kurze Zeit in Schulpausen, an Stammtischen und Wohnzimmern diskutiert, Orte, an die man sonst nur schwer vordringen kann.

„Das hier ist nicht nur für mich, sondern für alle, die an die Zukunft, Liebe, Frieden, Toleranz und Akzeptanz glauben“ (Conchita Wurst beim ESC-Sieg 2014)

Polen schickte heuer eine Frau im Rollstuhl auf die Bühne, Finnland Punks mit Handicap, die sich bei einem Musikworkshop ihrer Behindertenwerkstätte gefunden haben. Ganz Finnland unterstützt sie.

Das sind Zeichen, die gesetzt werden. Meilensteine. Trotz all der Kitschkultur und des Showbiz rundherum. Oder gerade deswegen.

Es ist irgendwie ‚in‘, anders zu sein, aber nur irgendwie. Es gibt immer noch die Diskrepanz zwischen „Ich bin ausgefallen und damit showtauglich, klick auf den Button und werde Fan von mir“ und, „He, ich bin ein bissl anders als Du, bitte verdrisch mich deshalb nicht“. Diese Diskrepanz, diese Seltsamkeit zu verstehen und zu bearbeiten, den Sprung von Toleranz in Glamour-Hochglanz zum stinknormalen Alltag zu schaffen, das ist unsere zukünftige Aufgabe.
Akzeptanz von Unterschiedlichkeiten, Freude am Panoptikum Menschheit.

 

 

 

Quellen:

http://www.eurovision.tv/page/news?id=nearly_200_million_people_watch_eurovision_2015

https://medienportal.univie.ac.at/uniview/forschung/detailansicht/artikel/song-contest-zwischen-pop-und-politik/

http://www.suedosteuropa.uni-graz.at/cse/sites/default/files/papers/baker_gender_and_geopolitics.pdf

 

 

 

Sarah Ulrych

Sarah Bewusst naive Weltverbesserin, die zu allem eine Meinung hat und sie oftmals auch unaufgefordert unter die Menschen bringt. Alles wird hinterfragt, nichts in Ruhe gelassen, sie selbst auch nicht, auch wenn sie es immer wieder meditierend versucht. Die Liebe zu allen Lebewesen – mit einigen ganz besonderen hat sie das Glück, ihr Leben zu teilen – sowie die angeborene Theatralik und Humor lassen sie die Unebenheiten des Lebens kraftvoll meistern.


2 COMMENTS ON THIS POST To “Eurovision – hat der Song Contest eine politische Dimension?”

  1. elisabeth horvatek sagt:

    Herzlichen Glückwunsch! Zum ersten Mal las ich in einem Onlinemagazin. Ich bin total begeistert und schon Fan! So stimmig, schön und gut gemacht. Ich lese nicht gern am Bildschirm aber bei sopha mach ich sicher eine Ausnahme. Alles Gute und viel Erfolg! eh

    • Iris Schoeller Iris Schoeller sagt:

      Liebe Elisabeth!
      Vielen Dank für deine motivierenden Worte! Wir werden dich in Zukunft mit erfrischenden, bunten Geschichten und Beiträgen verwöhnen!

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