Letzte Ausgabe: Arbeiten
Eine Banane als Wurst

Eine Banane als Wurst

Der Steirische Herbst beschäftigte sich heuer mit dem Blick in die Vergangenheit und in die Zukunft – und nicht zuletzt mit dem früheren Blick in eine Zukunft, die heute die Gegenwart ist. Der Delorean in „Back to the Future II“ landete am 21. Oktober des damals geradezu utopisch weit entfernten Jahrs 2015. Die Zukunft von damals ist jetzt und so stellen wir uns die Frage: Wie viel von der Idee „Zukunft“ findet sich heute tatsächlich so wieder?

Im Rahmen des Steirischen Herbst fanden auch thematisch passende Konzerte statt und einen der besten Abende habe ich beim Konzert der Buben im Pelz verbracht. David Pfister und Christian Fuchs ­– FM4-Moderatoren und vielbeschäftigte Musiker (z.B. Neigungsgruppe Sex, Gewalt und gute Laune) – setzten die irrwitzige Idee in die Tat um, Velvet Undergrounds legendäres „Bananenalbum“ neu in Form des Wiener Lieds aufzunehmen. Auf dem Cover befindet sich statt einer Banane eine rosane Wurst. Angelehnt an das Original kann sogar die Haut der Wurst auf der Vinylplatte abgezogen werden.

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Während David Pfister in der Ferne weilt, stand mir der andere Bube im Pelz Christian Fuchs für die Beantwortung meiner Fragen zum Thema „Zeit“ zur Verfügung.

 

Juliane: Lieber Christian, vielen Dank für deine Bereitschaft zum Interview! Ich würde gerne mit dir über den „Faktor Zeit“ auf eurem Album sprechen. Zuerst meine vordringlichste Frage: Hättet ihr dieses Album auch Ende der Sechziger Jahre machen können oder war die Zeit, die inzwischen vergangen ist, notwendig, um sich an ein solches Monument der Popgeschichte heranzutrauen?

Christian: Das kann ich leider nicht wirklich beantworten, weil wir im eben im Hier und Jetzt leben und da stellt sich die Frage gar nicht. Wir haben in unserer Vorgängerband „Neigungsgruppe Sex, Gewalt & Gute Laune“ aber sowohl ältere Songs aus der Popgeschichte eingewienert, als auch ganz neue Nummern. Ich selber habe mich da mal an Lana Del Reys „Video Game“ recht bald nach dem Erscheinen gewagt. Weil mir einerseits die Nummer so irrsinnig getaugt hat, andererseits konnte ich einen persönlichen Bezug in der sehr freien Übersetzung bringen und das ist mir immer sehr wichtig.

 

Im Programm des Steirischen Herbst wird die Frage aufgeworfen, ob das New York von gestern das Wien von heute ist. War eure Bearbeitung so gemeint, als Übersetzung New Yorks der damaligen Zeit in das heutige Wien?

New York und Wien sind natürlich zwei grundverschiedene Städte. New York, besonders jenes der Sixties, steht für eine extreme, von Bands wie den Velvets auch bewusst stilisierte Coolness, die sich in Wien in kaum einer Epoche findet, schon gar nicht in der Gegenwart. Wenn man nun Lieder aus diesem coolen Velvet-New-York, cool eben auch in seinen Schattenseiten und der Düsternis und der Dekadenz, ins uncoole Wien überträgt, dann entstehen automatisch spannende, arge Brüche dabei. Das ist wie ein österreichischer Film Noir oder Western, der wird auch nie so cool wie das US-Original sein, aber im besten Fall bizarr, ungewöhnlich, strange.

 

Rein musikalisch betrachtet: War das Bananenalbum deiner Meinung nach zukunftsweisend für die Entwicklung der Pop- und Rockmusik? Haben Velvet Underground und Nico die damalige musikalische Zukunft und damit unsere heutige Gegenwart verändert?

Das auf jeden Fall. Es ist, unabhängig von unserer oder meiner Verehrung für das Album, auch ganz objektiv eine totale Schlüsselplatte der Rockmusik. Weil sie mit allem gebrochen hat, was Rock in der Hippeieära damals ausmachte. Es gab keinen wilden sexy Frontmann, keine Gitarrensolos, kein wildes Schlagzeug, keine Teenagerhysterie, keinen Machismo in den Texten, nichts von dem, was heute noch für „Rock“ steht. Sondern ein Kollektiv, zumindest am Anfang, dass halb vom Rock’n’Roll, halb von der Avantgarde kam, das oft mit dem Rücken zum Publikum spielte, alle großen Gesten verweigernd, mit einer Drummerin, die ganz monoton und mit minimalem Set-Up trommelte. Überhaupt: Monotonie, Melancholie, Drones. Und dann wieder süße Melodien. Unzählige Bands wurden davon geprägt, viele Jahrzehnte lang.

 

Die Bananenplatte wird heutzutage gerne als zeitlos bezeichnet. Siehst du das auch so? Was macht ein „zeitloses“ Album aus? Gibt es so etwas heute überhaupt noch?

Ganz schwierig, weil ich an diesem Begriff persönlich eher zweifle. Ich glaube, starke musikalische Statements sind immer von der jeweiligen Zeit geprägt oder sind ihr sogar voraus. Man kann sich der Zeit nicht entziehen. Und sollte es auch nicht krampfhaft. Warum die Bananenplatte dennoch zeitlos ist? Weil man sie in verschiedenen Dekaden neu entdecken kann. Ich habe sie in den 80ern zum ersten Mal gehört und verbinde sie total mit dem damaligen eisigen Zeitgeist, an die Hippieära dachte ich keine Sekunde. Und hab sie in den 90ern auch wieder neu lieben gelernt, da passte es plötzlich auch perfekt, wenn man an die Shoegaze Bewegung denkt. Ein totales Phänomen.

 

Lieber Christian, vielen Dank für das Gespräch!

 

Die Buben im Pelz & Freundinnen, Konkord 2015

 

Juliane Brantner

Juliane Leidenschaft hat für sie auch mit Leiden zu tun: Am tagesaktuellen Ausmaß ihrer Augenringe erkennt man, wie lange sie nachts ihren Vorlieben gefrönt hat. Sich Wissen anzueignen und selbst Dinge beizubringen, ist eines ihrer liebsten Hobbys. Dabei ist ihr egal, ob es um Kleinigkeiten geht oder um Wissen, das sie für ihren Beruf braucht. Ihre guilty pleasures erfüllen sie längst nicht mehr mit Schuldgefühlen. Kann sie dann noch regelmäßig auf der Bühne oder in einem Proberaum singen, ist sie einfach glücklich.


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