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Die Zeit – eine große Baustelle in der Physik

Die Zeit – eine große Baustelle in der Physik

Eine persönliche wie wissenschaftliche Auseinandersetzung über den Zeitbegriff

Ich war sehr erstaunt, als der Astronom und Leiter der Kuffner-Sternwarte mir das Erbsenzählen empfohlen hat, um mich dem Zeitbegriff anzunähern. Ein sehr praktischer Ratschlag, der mir jegliches Gedankenspiel, dass Zeit nur Illusion wäre, im Nu wieder raubt. Und dabei wäre doch der Gedanke, dass ich in Wirklichkeit nicht älter werde, ungemein tröstlich.

Erbsen zählen und Sterne schauen

Mit dem Erbsenzählen habe ich es nicht so, genauso wenig wie mit dem Älterwerden. Aber dass Einsteins Relativitätstheorie ein prinzipielles Reisen in die ferne Zukunft oder in die Vergangenheit als Möglichkeit postuliert, war für mich schon als Schülerin faszinierend, genauso wie das Sterneschauen. Immer wieder zieht es mich zu den Astronomie-Vorträgen auf die Kuffner-Sternwarte in Wien. Wenn ich die Ringe des Saturns durch das Teleskop erkennen kann, werde ich ganz ehrfürchtig. Bald hab ich verstanden, dass es einem Blick in die Vergangenheit des Universums gleichkommt, wenn ich die Sterne am Abendhimmel betrachte. Was hat es mit der Vergangenheit, mit der Gegenwart und mit der Zukunft auf sich? Was ist die Zeit eigentlich? Wie kann es sein, dass die Uhren der Astronauten im All anders ticken als hier auf der Erde und was kann ich daraus für mich ableiten? Herr Doktor Wuchterl von der Sternwarte empfiehlt mir das Erbsenzählen … Nein, Zeit sei keine Illusion und der Zeitbegriff gehöre ohnedies „repariert“. Ich staune. Wie soll man denn den Zeitbegriff reparieren?

Zum einen erfahre ich von ihm, dass die Zeit in erster Linie ein Produkt sei, ein hochentwickeltes Zivilisationsprodukt. Das leuchtet auch mir ein, dass die Zeit bei der Organisation meines Alltags und im Straßenverkehr äußerst nützlich ist. Ich kann mich über dieses „Produkt“ erfahren, erleben, meine Entwicklung gestalten. Meine Zeit beginnt mit meiner Geburtsstunde. Die Zeit unseres Weltalls mit dem Urknall. Angeblich kann man das Rauschen aus dem Urknall noch immer im All hören … Ich kann mich des Gedankens nicht erwehren, dass auch ich das Gefühl habe, die Zeit rauscht an mir nur so vorbei. Ein subjektives Gefühl, das mit dem Zeitphänomen selbst nichts zu tun hat. Ich weiß. Die Zeit hat ja keine Geschwindigkeit. Ich erinnere ich mich an den Physikunterricht in der Schule: v= s / t (Geschwindigkeit ist Weg durch Zeit). Ich mochte Physik nie, aber die Zeit erfassen, das würde ich gerne, sie kontrollieren noch lieber … Doch, wenn selbst Astrophysiker den Zeitbegriff „reparieren“ möchten, da werde ich mich nicht groß aufspielen …

Ein Astronom erklärt mir, wie der Hase läuft oder eben nicht läuft

Ich lerne, dass Einsteins Relativitätstheorie mit den Prinzipien der Thermodynamik kollidiert, die besagt, dass Wärme in der Umgebung immer abkühlt und wir permanent der Entropie ausgesetzt sind. Unverträglich mit Einsteins Idee, dass die Zeit auch rückwärts laufen kann. Und da wäre ja noch die Quantenmechanik, die uns glauben lässt, dass physikalische Objekte in mehreren Zuständen und an mehreren Orten gleichzeitig sein können und erst durch Beobachtung beziehungsweise Messung auf einen davon festgelegt werden. Für die Vertreter der Quantengravitationstheorie befindet sich die Welt in einem zeitlosen Zustand. Auch dafür gibt es wunderschöne Gleichungen, die dies belegen. Mir raucht der Kopf. Irgendwie verstehe ich, dass der Zeitbegriff „repariert“ gehört. Und als Herr Wuchterl von der Eleganz und Ästhetik von Formeln und Gleichungen spricht, die den Menschen berauschen, verstehe ich, warum er mir das Erbsenzählen empfiehlt …

Ich beschließe, wenn Einstein sagt: „Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind nur Illusionen, wenn auch hartnäckige“, ihn nicht zu korrigieren. Nein, ich werde sein Genie nach wie vor in Ehren halten…

Für die alten Ägypter lag die Zeit wahrhaftig in den Sternen. Die Sterne waren das Maß, das die Stunden des Tages und die Tage des Jahres bestimmten. Heute definieren die Wissenschaftler die Sekunde unromantisch als die 9 192 631 770fache Periodendauer der Schwingung des Cäsiumatoms. Und auch das wird der neuen Physik schon zu unpräzise und schreit nach Reparatur! Wie werden die Menschen in den nächsten Jahrhunderten die Zeit definieren? Für mich ist das nicht mehr fassbar. Meine Zeit ist im Kopf und mein Kopf ist beschränkt.

Aber wenn die Zeit ein Zivilisationsprodukt ist, dann ist es ja auch irgendwie mein Produkt. Ich erzeuge es quasi in Teamarbeit mit den Menschen aller Zeiten, aller Epochen. Entgleiten mir meine Gedanken jetzt völlig?? Soll ich doch lieber Erbsen zählen? Oder einfach nur Sterne bewundern …

Interview mit Dr. Günther Wuchterl, Leiter der Kuffner-Sternwarte in Wien, 31. Oktober 2015

 

Eva Draxler

Eva Restlos verträumte Luftschloss-Expertin, ungeerdet aber doch mit einer Hands-on Mentalität aus dem südlichen Waldviertel. Liebt, wie könnte es anders sein, Mohn in allen Variationen. Und Gedichte! Sie ist leidenschaftliche Schauspielerin, Yogalehrerin und geht am liebsten mit ihrem praktisch-romantischen Vintage-Kleid aus Brooklyn durchs Wiener Stadtleben.


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