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Die Geschichte von der Prinzessin, die ihr buntes Reich verließ

Die Geschichte von der Prinzessin, die ihr buntes Reich verließ

Fern außerhalb unserer Zeit lebte eine Prinzessin voll Tatendrang und Pflichtgefühl. Das Reich, in dem ihr alter Vater herrschte, war genauso bunt wie ausgedehnt. Hohe Bergspitzen säumten im Norden das Land. Ein breiter Fluss begrenzte das Reich im Westen. Im Osten verliefen gelbe Sandwüsten im tiefblauen Ozean und im Süden, dort wo die meisten Menschen lebten, gediehen die farbenprächtigsten Blumen und süßesten Früchte. Oft musste die Prinzessin – im Auftrag des Königs – Tage, wenn nicht Wochen im Sattel ihres Pferdes zubringen, um in die hintersten Ecken des Reiches zu gelangen. Sie liebte das bunte Reich und seine Untertanen und wollte eine gute Prinzessin sein. Und das war sie auch …

Das Herz der Prinzessin gehörte seit ihrer Kindheit dem Königssohn von der anderen Seite des breiten Flusses. Sie besuchten einander so oft wie nur irgend möglich. Als der Prinz älter wurde, zog er tapfer in Schlachten und musste sogar Kämpfe bei Hofe ausfechten. Die Zeit, die sie füreinander hatten, war kostbar. Eines Tages, als die Nächte immer länger wurden, bemerkte der Prinz eine Träne in den Augen der Prinzessin. Er wunderte sich… denn er hatte doch gerade den Riesen, der die Auwälder im Grenzgebiet verwüstete, besiegt. Als er die Prinzessin fragte, warum sie traurig sei, antwortete sie, dass sie es selbst nicht so genau sagen könne und wohl müde sei. Wochen vergingen. Die Prinzessin wurde stiller und stiller. Der Prinz wusste, wie man Kriege führt, doch die heimlichen Tränen der Prinzessin konnte er nicht besiegen.

Im Frühjahr darauf – es lag noch Morgentau auf dem Gras im Schlossgarten – packte die Prinzessin plötzlich all ihren Mut, schwang sich auf ihr Pferd und ritt zu ihrem Prinzen. Mit zitternder Stimme erklärte sie dem verdutzen Helden, dass sie ihn liebe bis ans Ende ihrer Tage. Der Prinz war soeben erfolgreich von einem Feldzug zurückgekehrt. Dann verabschiedete sie sich und bat ihn, nicht auf sie zu warten. Zurück im Schloss küsste sie ihren alten Vater und übergab ihr Pferd seinem getreuesten Diener. Noch in derselben Stunde verließ die Prinzessin das Reich … zu Fuß, ausgerüstet mit guten Wanderschuhen, einem Lederrucksäckchen und Silbermünzen für Brot auf der Reise.

Die Prinzessin wanderte über Berg und Tal zunächst durch bekannte, später unbekannte Länder. Am Anfang war sie ohne Furcht, doch je länger ihre Wanderschaft dauerte umso unruhiger wurde sie. Dann hörte sie erste Gerüchte. Die Gerüchte wurden immer lauter. Mit bebender Stimme erzählten die Menschen von einem furchterregenden Monster mit drei Schlangenköpfen, das jeden zerfleischte, der in seine Nähe kam. Manche sprachen vom Teufel höchstpersönlich: unbesiegbar, gefräßig und ewig. Andere berichteten von tapferen, jungen Männern, die mit ihren scharfen Klingen versuchten, dem Monster die Köpfe abzuhacken. Doch die Köpfe wuchsen schon im nächsten Augenblick wieder nach. Keiner der Männer wurde je mehr gesehen …

 

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Der unheimliche Wald, den die Prinzessin nun durchstreifte, wurde dichter und dichter. Auf einmal war es stockdunkel und still um sie geworden. Sie hatte sich verirrt. Da sah sie zwischen den riesigen Baumstämmen ein kleines, kaltes Licht aufflackern. Langsam näherte sie sich dem Licht und fand sich vor einer alten knorrigen Tür wieder, die von Spinnweben übersät war und von einer kleinen Laterne beleuchtet wurde. Die Tür war ein Spalt breit offen. Vorsichtig öffnete sie die knarrende Tür. KRK, KRK, KRK … Sie trat ein. Plötzlich fiel die Tür mit einem Knall ins Schloss … BÄNG! Pechschwarze Stille!

Nach einigen schrecklichen Augenblicken hörte die Prinzessin ein Zischen und Fauchen, das die Dunkelheit durchdrang. Die Geräusche des Untieres brachen sich mehrmals an den Höhlenwänden. Sechs feurige, blutrünstige Augen begannen sich ihr aus dem dunklen Nichts zu nähern. Die Prinzessin besaß weder ein Schwert noch den Kampfesmut eines tapferen Helden. Die flackernden Augen wurden immer größer und größer. Sie hörte das Schleifen eines riesigen Schwanzes am Boden der Höhle und spürte den heißen Atem aus den Nüstern des Tieres. Schiere Panik erfasste sie. Und just in dem Moment, als sie innerlich ein Wunder ersehnte, vernahm sie eine Flüsterstimme in ihrem linken Ohr: „Bleib ruhig. Hab keine Angst!“ Ein kleiner Marienkäfer, den die Prinzessin noch nicht bemerkt hatte, war mit ihr in die Höhle gekommen. Die federleichten Worte besänftigen die Prinzessin. Marienkäfer bringen Zuversicht. Aufmerksam lauschte sie der zarten Stimme und tat wie ihr geraten. Zuerst stellte sie sich höflich vor und fragte das Ungeheuer nach seinem Namen. Dann teilte sie mit ihm ihre letzte Scheibe Brot. Das Monster spie Feuer vor Wut. Die Prinzessin hatte Mühe, den züngelnden Flammen auszuweichen. Sie begann, ihm kleine Geschichten zu erzählen. Als der Drache nach ungezählten Stunden eines seiner rauen Lieder anstimmte, klatschte sie vor Begeisterung leise in die Hände. Auch Drachen singen Lieder voll von Liebe und Leidenschaft. Tage vergingen, Wochen und Monate. Der Drache spie allmählich nur mehr Feuer, wenn sie fröstelte, und auch dann nur sehr behutsam. Die beiden waren Freunde geworden.

Eines Abends – der Herbst tauchte die Blätter vor der Drachenhöhle bereits in die schönsten Farben – spürte die Prinzessin tief in ihrem Herzen Sehnsucht nach dem Prinzen. Sie beschloss ihm einen Besuch abzustatten. Der Drache zögerte keinen Augenblick, die Prinzessin zu begleiten. Der Prinz war überglücklich, als er die Prinzessin wiedersah. Doch als er den furchterregenden Drachen mit den drei Köpfen und den feurigen Augen erblickte, schreckte er zurück und zog sein Schwert. Die Prinzessin versuchte, dem Prinzen zu erklären, dass er sich vor dem mächtigen Tier nicht zu fürchten brauchte. Doch der kampfbereite Prinz hörte die Worte der Prinzessin nicht. Der Drache wurde zusehends zorniger und peitschte immer heftiger mit dem Schwanz. Sie hatte keine Wahl. Schweren Herzens verabschiedete sich die Prinzessin von dem Prinzen und verließ erneut sein Reich. Nicht wissend, wohin sie nun gehen sollte mit einem dreiköpfigen Ungeheuer als Reisegefährten, schüttete die Prinzessin allem, was ihr begegnete ihr Herz aus. Bei Tag erzählte sie den Kaninchen am Wegesrand von ihrem Kummer. Sobald der Mond am Himmelszelt auftauchte, weihte sie die aufblitzenden Sterne in ihren Schmerz ein. Die ersten Schneeflocken fielen schon, als sie bemerkte, dass die Sterne ihr Trost zusprachen. Auf einmal konnte sie die Sprache der Sterne verstehen, nicht immer, aber immer deutlicher. Die Sterne erzählten ihr von der Ewigkeit und offenbarten ihre Namen. Jeder Stern am weiten Himmel hat einen eigenen, wohlklingenden Namen. Und es gibt Myriaden von Sternen.

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Die Prinzessin fühlte, dass es an der Zeit war, ihrem mächtigen Drachen einen Namen zu geben. Der erste Name, der ihr einfiel, war Schnuppi. Doch Schnuppi war schlicht zu niedlich für ein so schreckenerregendes Ungeheuer. Also nannte sie den Drachen Schnupp. Schnupp war vor Begeisterung über seinen schönen Namen kaum mehr zu bändigen. Er pflückte für die Prinzessin bunte Blumensträuße und erzählte ihr lustige Drachenwitze. Gelächter begleitete die beiden wo immer sie sich aufhielten. Eines Morgens weckte Schnupp die Prinzessin mit einer seiner drei Drachenschnauzen weit vor der Zeit. Die Sonne versteckte sich noch hinter den Hügeln. „Bist Du schon bereit?“, fragte Schnupp die Prinzessin. Die Prinzessin rieb sich die Augen, seufzte tief und antwortete dann vertrauensvoll: „Ja, ich bin bereit. Wir können weitergehen.“ „Nicht weitergehen, liebe Prinzessin,“ erwiderte Schnupp. „Ich meine, bist Du jetzt bereit, Königin zu werden?

 

ENDE

Eva Draxler

Eva Restlos verträumte Luftschloss-Expertin, ungeerdet aber doch mit einer Hands-on Mentalität aus dem südlichen Waldviertel. Liebt, wie könnte es anders sein, Mohn in allen Variationen. Und Gedichte! Sie ist leidenschaftliche Schauspielerin, Yogalehrerin und geht am liebsten mit ihrem praktisch-romantischen Vintage-Kleid aus Brooklyn durchs Wiener Stadtleben.


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