Letzte Ausgabe: Arbeiten
Die Brücke am Kwai

Die Brücke am Kwai

Zu dem Zeitpunkt, als wir in den Zug nach Kanchanaburi stiegen, wusste ich nicht einmal genau, warum ich unbedingt zur Brücke am River Kwai wollte. Als ich klein war, hatte meine Mutter immer wieder den Colonel Bogey-Marsch gepfiffen und mir von dem Film erzählt, angesehen hab ich ihn mir nie.

Der zweite Weltkrieg war für mich lange Zeit ein sehr prägsamer Abschnitt der Menschheitsgeschichte und ist es in Teilen auch heute noch. Aber eigentlich nur ein sehr spezifischer Ausschnitt: die Shoah. Während meines Germanistik- und Geschichtestudiums habe ich keine Lehrveranstaltung zum Thema Judenverfolgung ausgelassen, hab fast alle Bücher zu dem Thema gelesen und war sehr vereinnahmt davon, zu verstehen, wie das damals hat geschehen können. Die Deathrailway, von der die Brücke am Kwai ein Teil ist, ist ein bis heute bestehendes Zeugnis von den menschlichen Grausamkeiten des zweiten Weltkriegs, aber nicht begangen von Deutschen, sondern in diesem Fall von Japanern. Vielleicht wollte ich deshalb dahin, einmal die Kriegsgräueltaten von anderen beteiligten Nationen und Menschengruppen auf mich wirken lassen, um zu verstehen, dass weltweit Unrecht geschehen ist und immer noch passiert, dass der Holocaust ein bislang einzigartig apparatisierter und systematisierter Völkermord, jedoch in seiner Grausamkeit leider nicht der Einzelfall ist, für den ich ihn lange Zeit gehalten habe. Und zu verstehen, dass Täter Opfer sein können und Opfer Täter. Dass das Anerkennen und Sehen von weiteren elenden Quälereien und Morden von Menschen an Menschen, ein anderes Unrecht nicht in seiner Entsetzlichkeit mindert, sondern noch mehr dazu aufruft, solche Vergehen in Zukunft zu verhindern.

Außerdem lag Kanchanaburi, und somit die Brücke, auf dem Weg zum Erawan-Nationalpark – wer eine Suchmaschine Bilder zu diesem Nationalpark ausspucken lässt, kann vielleicht nachempfinden, warum ich da hin wollte – auch diese oberflächliche Wahrheit muss erwähnt werden.

Thailand-Burma-Eisenbahn

Die Thailand-Burma-Eisenbahn wurde gebaut, als Japan nach der Eroberung von Burma, Malaysien und Singapur eine Ausweichstrecke um die immer noch gefährliche Meerenge von Malakka benötigte und es durch die Eroberungen über zahlreiche Gleise und Schwellen, aber auch Arbeitskräfte in Form von Kriegsgefangenen (POW prisoners of war) verfügte. Außerdem planten die Japaner einen Angriff auf Indien und mussten den Nachschub an Waffen und Materialien für ihre Truppen sicherstellen. Im Jahr 1942 begann der Bau der Strecke, die über etwa 415 km von Thanbyuzayat im heutigen Myanmar bis zur Nong Pla Duk Junction im Distrikt Ban Pong in Thailand führte. Von den 263 km des einspurigen Schienenstrangs der durch Thailand führte, sind heute noch etwa 77 km in Betrieb, der Rest ist zerstört, wurde nach und nach abgebaut oder ist von Dschungelgrün überwuchert. Die Eisenbahnstrecke wurde nur neun Monate nach Beginn der Bauarbeiten fertiggestellt, woran man die Eile erkennen und sich ausmalen kann, dass die Leben der zahlreichen Zwangsarbeiter und POWs nicht viel zählten. Die knapp 60 000 verwendeten Kriegsgefangenen kamen aus Australien, Großbritannien und den Niederlanden, zusätzlich dazu wurden noch 270 000 asiatische Zwangsarbeiter eingesetzt. In der japanischen Militärkultur wurde Gefangennahme als große Schande angesehen, weshalb man sich auch nicht an Vereinbarungen wie die Genfer Konvention zur Behandlung von Kriegsgefangenen gebunden sah. Tropenkrankheiten, Überarbeitung und grausame Behandlung durch japanische Vorarbeiter kosteten während der Bauarbeiten das Leben von rund 97 000 asiatischen Zwangsarbeitern und circa 14 000 Kriegsgefangenen.

Im Zuge der Bauarbeiten musste der Fluss Khwae Yai, besser bekannt als River Kwai, überquert werden, was sich als überaus problematisch herausstellte. Es mussten zwei parallele Brücken gebaut werden: Die erste Brücke war ein Behelfskonstrukt aus Holz und wurde rein zur Versorgung genutzt, die eigentliche Brücke wurde aus Stahl und Beton gefertigt. Im Jahr 1944 wurde die Brücke am Kwai schließlich von den Alliierten zerbombt, wobei drei Abschnitte der Brücke zerstört wurden. Die zerstörten Teile kann man heute noch im Kriegsmuseum besichtigen, die Brücke hingegen wurde wieder instand gesetzt und wird noch heute genutzt.

Auch wenn im Westen nicht viel von der sogenannten Todeseisenbahn bekannt ist, die Brücke hat es ins kollektive Gedächtnis des Westens geschafft. Der französische Schriftsteller Pierre Boulle, selbst japanischer Kriegsgefangener, lieferte die Vorlage für den 1957 gedrehten Spielfilm „Die Brücke am Kwai“ von David Lean, der sie zum Symbol der Schrecken des Pazifik-Krieges machte.

Als wir ankommen, die kleine Hütte am Fluss beziehen und uns dann rasch auf den Weg zur Brücke machen, spazieren wir die idyllische Uferlandschaft entlang. Zwei Boote mit Wochenendausflüglern schippern an uns vorbei, Gläser zerschellen klirrend am Boden, die Musik wummert uns entgegen und auf jedem Schiff probiert sich ein Gast an einem anderen Karaokesong. Diese Form der Freizeitgestaltung wird uns unseren gesamten Aufenthalt in Kanchanaburi begleiten, tagsüber wie auch nachts.

Ich stehe vor der Brücke, ich stehe auf der Brücke, ich werde vom Menschenstrom in das kleine Museum mitgezogen, in allen Bewegungen mehr von der Touristenmenge mitgeschwemmt als freiwillig agierend. Dazu ist sie also geworden. Eine Brücke, gebaut von leidenden Menschen, mit letzter Kraft in Windeseile errichtet für den Feind, ist sie nun eine Sehenswürdigkeit, die mit lauter Musik, Essensstandln und Souvenirs Touristen – vor allem aus Asien – anlockt. Europäische Touristen wie uns, sieht man eher selten. Hie und da pfeift einer die bekannte Melodie und grinst dabei. Wir machen unsere obligatorischen Fotos, man will ja zeigen, wo man war, warum auch immer, gehen auf die andere Seite der Brücke, schauen sie uns von dort nochmal an und ich sage: „Hm, hama das also auch gesehen“.

 

Sarah Ulrych

Sarah Bewusst naive Weltverbesserin, die zu allem eine Meinung hat und sie oftmals auch unaufgefordert unter die Menschen bringt. Alles wird hinterfragt, nichts in Ruhe gelassen, sie selbst auch nicht, auch wenn sie es immer wieder meditierend versucht. Die Liebe zu allen Lebewesen – mit einigen ganz besonderen hat sie das Glück, ihr Leben zu teilen – sowie die angeborene Theatralik und Humor lassen sie die Unebenheiten des Lebens kraftvoll meistern.


Nächster Beitrag »

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.

Sopha verwendet Cookies. Durch die weitere Benützung unserer Seite stimmst du dem zu. Mehr Infos

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close