Letzte Ausgabe: Arbeiten
Der Radiomoderator und die Stimmenfetischistin

Der Radiomoderator und die Stimmenfetischistin

Ein großer Tag

Das war er also, der Morgen unseres Hochzeitstages. Der geradezu beruhigende Sound meines Weckerklingelns war heute genau in der richtigen Schlafphase in meine Träume spaziert.

Zugegeben: Viel hatten wir nicht geschlafen. Wer sich noch um halb ein Uhr früh thematisch passend „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“ ansieht, kommt nicht vor drei ins Bett. Aber das war uns egal. Heute würde es keine Müdigkeit geben!

Die standesamtliche Feier begann um 13 Uhr. Zu Stevie Wonders „You Are The Sunshine Of My Life“ schritten wir über beide Ohren grinsend in den Trauungssaal. Gefühlte fünf Minuten später war alles vorbei und unsere Nichte Ella bewarf uns bereits völlig entrückt quietschend mit Blumen. (Ja, sie war tatsächlich unser Blumenmädchen – hatte aber entzückenderweise mehr Freude daran, ihre Blüten einer Schneeballschlacht ähnlich auf die Gäste und den gesamten Saal zu verteilen).

 

Stimmen im Kopf

Klar hat man vor so einem großen Ereignis den einen oder anderen sentimentalen Gedanken. Zu zweit im Auto auf dem Weg zum Gasthaus traf es uns aber völlig unerwartet. Wir – der Radiomoderator und das Stimmen-Nerdgirl – hatten es tatsächlich getan. Wir waren also verheiratet.

Im Radio lief gerade die Signation des Senders. Wie in einer klassischen Film-Rückblende rasten meine Gedanken zurück an den Punkt vor etwa vier Jahren, als ich meinen Kollegen im Büro ziemlich auf die Nerven ging … Ich hatte nämlich die Angewohnheit, das Radio besonders nachmittags sehr laut zu drehen.

Dieser Moderator und seine Stimme – sie gingen mir nicht aus dem Kopf. Ich musste diesen Typen einfach unbedingt kennenlernen. Dazu muss man wissen: Ich bin eine Stimmenfetischistin, die bei Filmabenden ihre Sitznachbarn damit nervt, die Namen und sonstigen Rollen der Synchronsprecher herauszuschreien wie eine Einserschülerin. Doch dieser Moderator hatte etwas Besonderes. Seine Stimme klang immer so, als würde er verschmitzt grinsen. Sie war warm und strahlend und brummig und witzig. Nach dem etwa zehnten Mail-Musikwunsch mit bemüht geistreichen Texten (deren Erstellung meistens mindestens eine Stunde dauerte) kam eine Antwort per Mail: ein simples „:-)“. Ich fühlte mich, als hätte ich im Lotto gewonnen.

 

Very good luck

Das Gewinnen wurde zur selben Zeit ein besonderes Thema. Natürlich konnte ich es nicht lassen, mittlerweile den ganzen Tag Radio zu hören. Das hatte den Nebeneffekt, dass ich anfing, auf die beliebten Verlosungen aufmerksam zu werden. Bei einem besonders attraktiven Preis rief ich im Studio an und kam durch. Dass ich natürlich nicht mit „meinem“ Moderator sprechen würde, war mir klar – schließlich würde sicher jemand anderes die Telefonate entgegennehmen.

Die Mitarbeiterin nahm meine Daten auf und wiederholte meinen Namen, ließ mich danach noch meine Telefonnummer durchsagen. Doch irgendwie schien sie plötzlich abgelenkt. „18 … äh, 19? Okay. Du Juliane? Da möchte dich jemand sprechen.“

Mit dem Knacken in der Leitung fiel mir mein Herz in die Hose und schon hörte ich diese EINE Stimme am anderen Ende. „Bist du DIE Juliane?“

Nach einem kurzen Gespräch legte ich mit heißen Ohren auf und sofort erschien eine Message in meinem Facebook-Account: „Wow, du hast vielleicht eine tolle Stimme!“

Vier Jahre später saßen wir also im Auto als frisch verheiratetes Paar und konnten unser Grinsen beim Gedanken an diese Zeit nicht verbergen.

Als wir gerade in Richtung Gasthaus abbogen, lief im Radio das Lied, das ich einen Tag später mit meiner Ukulele bei der After-Wedding-Party vortragen würde. Doch davon wusste mein neben mir sitzender Mann noch nichts – obwohl er mitsummte, als würde er etwas ahnen.

 

P.S.: Juliane ist nicht nur Braut, sondern begleitet Hochzeiten auch mit ihrer Singstimme: „Schlicht und ergreifend“ – Hochzeitssängerin in Graz

Juliane Brantner

Juliane Leidenschaft hat für sie auch mit Leiden zu tun: Am tagesaktuellen Ausmaß ihrer Augenringe erkennt man, wie lange sie nachts ihren Vorlieben gefrönt hat. Sich Wissen anzueignen und selbst Dinge beizubringen, ist eines ihrer liebsten Hobbys. Dabei ist ihr egal, ob es um Kleinigkeiten geht oder um Wissen, das sie für ihren Beruf braucht. Ihre guilty pleasures erfüllen sie längst nicht mehr mit Schuldgefühlen. Kann sie dann noch regelmäßig auf der Bühne oder in einem Proberaum singen, ist sie einfach glücklich.


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