Letzte Ausgabe: Arbeiten
Der 3D-Blick – das Entstehen einer scheinbaren Wirklichkeit

Der 3D-Blick – das Entstehen einer scheinbaren Wirklichkeit

Unsere Visionen gehen weit über die Grenzen unserer Wahrnehmung hinaus. Ohne es zu bemerken, ziehen wir diese Grenzen selbst und beeinflussen dadurch die Beschaffenheit und Reichweite unseres Bewusstseins. Je mehr wir von der Unfehlbarkeit unserer rationalen Urteilskraft überzeugt sind, desto enger wird die von uns als gültig anerkannte Wirklichkeit. Doch, wenn wir Stille einkehren lassen, vor allem Stille der Gedanken, können wir hinter die Dinge sehen und Zusammenhänge wahrnehmen, die dem hastenden Menschen des Alltags verborgen bleiben. Dann bemerken wir auf einmal, wie sehr unsere Wahrnehmungen und Empfindungen über unsere Denkfähigkeit hinausgehen.

Ein besonders anschauliches Beispiel eines Konfliktes zwischen einer unerwarteten Wahrnehmung und einem als gesichert erscheinenden Verstandesurteil erleben wir mit frei sichtbaren dreidimensionalen Bildern. Die an sich ebene Darstellung schwebt nach einem Blickwechsel als dreidimensionales Gebilde frei im Raum, der Wirklichkeit zum Verwechseln ähnlich. Der Verstand sagt uns, ein ebenes Bild könne unmöglich räumlich sein. Die tatsächliche Wahrnehmung widerspricht jedoch dem Urteil des Verstandes (sofern unsere beiden Augen annähernd gleich gut sehen).

Um Ihnen einen Eindruck davon zu geben, können Sie zuerst mit einem kleinen Test überprüfen, ob Ihre Augen für das 3D-Sehen geeignet sind (mit oder ohne Brille ist gleichgültig. Wichtig ist nur, dass Sie das Bild mit beiden Augen scharf sehen). Halten Sie einen Stift mit der Spitze nach oben in halber Entfernung zwischen Ihnen und dem Bild. Die Spitze soll ungefähr in die Mitte des Bildes zeigen. Wenn Sie ganz entspannt das Bild ansehen und Sie zwei Stiftspitzen sehen, ist alles in Ordnung. Bleiben Sie so entspannt und versuchen Sie jetzt, die Stiftspitze anzusehen.

 

Scheinbare Wirklichkeit

3D-Bild einer Treppe

 

Vielleicht erschrecken Sie, wie schnell Ihnen die Treppe „entgegenkommt“. Wenn die Erscheinung sofort wieder verschwindet, ist Ihr Verstand im Spiel. Er sagt, das könne doch nicht sein, und versucht sofort, zum flachen Bild zurückzukehren. Er lässt sich nicht so leicht sein Verstandesurteil streitig machen.

Wie wird nun dieser Konflikt entschieden? Jetzt lernen wir uns auf unerwartete Weise sehr genau kennen. Wir sagen dem Verstand: „Hör mal zu, ich möchte die Stiftspitze ansehen! Das muss doch möglich sein! Im Moment sehe ich zwei Spitzen, doch ich will nur die eine Spitze des Stiftes sehen. Die will ich mir ganz genau ansehen. Ich habe den Stift in der Hand und spüre ihn. Also folge bitte.“

Wer spricht denn da, um den Verstand „zur Vernunft“ zu bringen? Richtig, es ist unser Bewusstsein, das dem Verstand übergeordnet ist und ihn lenken kann. Sie können direkt spüren, dass Sie dem Verstand Anweisungen geben. Sie gewinnen diesen Konflikt, wenn Sie entspannt bleiben und sich nur die Spitze des Stiftes zwischen Ihnen und dem Bild ansehen wollen. Nach einigen Versuchen werden Sie gewinnen.

Von da an können Sie mit der Stiftspitze die Linien der Treppe entlang fahren. Und damit kann sich der Verstand anhand der Körperwahrnehmungen davon überzeugen, dass tatsächlich ein realer Raum beansprucht wird. Sie werden direkt beobachten können, wie sich Ihr Gehirn langsam überzeugen lässt und aus dieser nun anerkannten Wahrnehmung Wirklichkeit werden lässt. Eine „scheinbare Wirklichkeit“.

 

Wirklichkeiten

 

Vielleicht haben Sie als Kind manchmal mit dem Schielen gespielt. Sie konnten vielleicht sehen, wie sich nebeneinander hängende Bilder zu versieben beginnen. Wenn Sie das noch immer können, brauchen Sie keinen Stift mehr. Sie sehen das Bild an und beginnen, ganz leicht zu schielen, bis sich zwei benachbarte Bildelemente überlagern. Und schon können Sie es mit dem Finger im Raum berühren.

Von da an kann es zur Gewohnheit werden. Wenn Sie irgendwo Bildelemente sehen, die sich horizontal wiederholen, können Sie den soeben erlernten „Kreuzblick“ darauf anwenden. Ob es nun Bierkrügel auf einer Theke sind oder die Latten eines Zaunes, Tapetenmuster, Wandfliesen usw., sie kommen Ihnen näher und Sie können sie im Raum berühren. Jede Ungenauigkeit in der Anordnung zeigt sich als eine Verschiebung in der Raumtiefe.

Für Fortgeschrittene gibt es einen besonders entspannenden Blick, der den ganzen Körper beruhigen kann. Es ist der Blick in die Ferne, der sogenannte „Parallel-Blick“. Sie sehen das 3D-Bild an und sagen sich „Schau hindurch, als würdest du in eine weite Landschaft sehen“. Geeignete Bilder gehen dann besonders tief in den Raum.

Sieht es nicht wie eine Absicht im Bauplan unseres Wahrnehmungssystems aus, dass ein freier Entschluss genügt, die Wahrnehmungsfähigkeit zu steigern? Statt aus Gewohnheit durch Veränderungsreize fremdgesteuert zu sein, hindert nichts daran, die Aufmerksamkeit nach eigenem Ermessen zu lenken. Der Mensch hat größte Freiheit, die Grenzen seiner Wahrnehmung und damit seiner Wirklichkeit selbst zu ziehen.
Manche Menschen sind von der „scheinbaren Wirklichkeit“ tief berührt. Es geht um mehr als nur um das 3D-Phänomen. Dieses Erlebnis berührt unsere geistige Existenz. Wir können unserem von der Natur gegebenen Gesichtssinn sagen: „Jetzt bitte die Fläche anschauen und jetzt bitte dieselbe Fläche räumlich“. Wir können darin auch ein Gleichnis für das Loslösen aus der materiellen Bindung sehen. Darüber hinaus begegnen wir mit diesem Versuch unserem Bewusstsein und seiner Fähigkeit, unser Denken zu steuern. Unser Bewusstsein aber kommt aus einer Quelle, die über Raum und Zeit hinausweist; in jene Bereiche, in die sich unser Geist hin entfalten kann und soll.

Und dort sind auch unsere Visionen zu finden.

 


 

Wollen Sie selbst ausprobieren, etwas in 3D zu kreieren?

Da gibt es eine einfache Erklärung:

Schreiben Sie gleiche Buchstaben mit gleichen Abständen nebeneinander. Dazwischen machen Sie den Abstand einmal viel größer.

Sobald Sie diese zwei benachbarten Buchstaben übereinander sehen, kommt ihr gemeinsames Bild nach vorne und Sie können es berühren:

O   O   O   O   O       O   O   O   O

 

Mehr 3D Bilder gibt es auf Siegfried’s Webseite

Siegfried Schrotta

Siegfried Ein ausdauernder Mensch, der nie aufgeben wird, mit anderen an einer gerechteren Welt zu arbeiten. Scheitern sieht er positiv, weil er daraus lernen kann. Leidenschaften hat er viele, derzeit gilt sie der Jazz-Improvisation als Saxophonist einer kleinen Band. Die Diskrepanz zwischen der geistigen Leistung, mit der der Mensch in den Makro- und Mikrokosmos vordringt und dem Unvermögen gesellschaftspolitische Probleme zu meistern, ist für ihn ein beständiges Rätsel.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.

Sopha verwendet Cookies. Durch die weitere Benützung unserer Seite stimmst du dem zu. Mehr Infos

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close