Letzte Ausgabe: Arbeiten
Darwin ist überholt

Darwin ist überholt

Wenn die Menschen so arbeiten würden wie die menschlichen Körperzellen, wäre das Zusammenleben um vieles leichter. Manche Herausforderung an die globale Gesellschaft wäre vom Tisch.

In der Schule habe ich gelernt, dass die Natur brutal selektioniert. Laut Darwin beruht die Evolution auf Kampf – ein Kampf auf Leben und Tod. Und wen wundert es… der Stärkere überlebt! Der Glanz von Darwin überstrahlt auch heute noch sämtliche Lehrbücher. Doch anscheinend erlaubt uns die moderne Zellforschung einen ganz anderen Blickwinkel auf die Evolution. Der Molekularbiologe und Genetiker Bruce Lipton und auch andere Zellforscher kommen mit einer ganz anderen Theorie daher. Sie liefern Stoff für neue Visionen. Die menschlichen Körperzellen besitzen eine bisher unterschätzte soziale Intelligenz. Bruce Lipton spricht sogar davon, dass die Evolution in erster Linie vom Prinzip der Kooperation dominiert ist. Die Weisheit der primitiven Zellen, sich zu intelligenteren, kooperierenden Zellgemeinschaften zu formieren, ist die treibende Kraft der biologischen Weiterentwicklung. Offenbar neigen die Zellen eher dazu, sich zu unterstützen als zu bekämpfen.

Die Natur als Vorbild

Viele moderne Errungenschaften sind von der Natur abgeschaut. Die Idee ist also nicht neu. Man nennt dieses spannende Forschungsfeld Bionik. Als einer der ersten Vertreter wird oft der italienische Erfinder Leonardo da Vinci genannt, der den Vogelflug analysierte und seine Erkenntnisse auf Flugmaschinen zu übertragen versuchte. Der Klettverschluss ist von den Kletten inspiriert; die sogenannte Riblet-Folie aus der Luftfahrt sorgt für einen optimalen Luftströmungseffekt und ist der Hautoberfläche von Haien nachempfunden. Warum die überragende Intelligenz der Natur nur für den technologischen Fortschritt studieren? Unser genialer menschlicher Organismus liefert äußerst praktikable Ansätze, wie wir den derzeitigen wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Herausforderungen visionär begegnen können.

Der menschliche Körper als intelligentes Wirtschaftmodell

Um herauszufinden, wie das gehen könnte, brauchen wir nur in unseren Körper zu schauen. Unser Körper ist ein Gemeinschaftsmodell aus über 50 Billionen Körperzellen, die gelernt haben harmonisch und effizient zum Wohle des ganzen Organismus zu arbeiten. Dabei kann jede einzelne Zelle als Äquivalent zum gesamten Menschen betrachtet werden: Abermillionen „kleine Menschen“ befinden sich im menschlichen Organismus. Jede einzelne Zelle verfügt dabei über ihr eigenes Nerven-, Verdauungs-, Atem- sowie Immunsystem. Gleichzeitig bildet sie größere funktionale Gemeinschaften. Durch Zelldifferenzierung unterscheiden wir Herzzellen von Haut-, Magen- und anderen Zellen, wie auch die Arbeitswelten der einzelnen Menschen innerhalb einer Gesellschaft hochgradig spezialisiert sind. Menschen und Zellen müssen gleichermaßen arbeiten, das heißt Energie zum Überleben und Wohlergehen aufwenden. Der „unternehmerische Erfolg“ beruht jedoch nicht auf Wettbewerbsfähigkeit mit anderen Organen und Geweben. Ihr Erfolgt misst sich daran, wie gut jedes Organ mit den anderen Systemen kooperiert!

ATP – die „Währung“ in unserem Organismus

Eine genauere Betrachtung der täglichen Verrichtung unserer Körperzellen zeigt uns, dass alles, was wir meinen, sozialwirtschaftlich erfunden zu haben, unsere Zellen zuerst entwickelten – und in der Regel um einiges besser. Zum Beispiel verfügen Zellen über ein „monetäres System“. Sie verwalten ihre Energiebedürfnisse durch den Austausch von Adenosin-Triphosphat-Molekülen (ATP). ATP wird auch als „Währung“ im Körper bezeichnet. Zellen arbeiten für das System, bringen ihre Produktivität ein und bekommen die nötige Energie in chemischer Form von ATP. Obwohl verschiedene Zellen unterschiedlich hohen ATP-Bedarf haben, bekommt jede Zelle alles, was sie zum Leben braucht: Nahrung, Platz, Gesundheitsfürsorge und Schutz. Man könnte es auch Grundeinkommen nennen. In einer natürlichen „Ökonomie“ wird nur Vermögen angesammelt, wenn die Grundbedürfnisse und das Wohlbefinden jedes Einzelnen gesichert sind. In einem gesunden Körper gibt es folglich keine Zellen, die Energie horten, während an anderer Stelle Energie benötigt wird. Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen…

Überschüssige Energie – was dem Profit der Zellen entspricht – wird in Körperfett gespeichert. Diese Körperfunktion könnte man gut mit dem Bankwesen vergleichen. Körpereigene Fettdepots werden ausschließlich bei Bedarf für das Gemeinwohl angezapft und gehören keiner bestimmten Zelle oder Gruppe. Sowas wie einen „Egotrip“ kennt die einzelne Zelle offensichtlich nicht. Bemerkenswert ist auch, dass der Körper über keine Mittel verfügt, zusätzliches ATP zu erzeugen, wenn das System in Not gerät. In der globalen Wirtschaft jedoch drucken Notenbanken bei Bedarf Geld und bedingen Inflation oder Deflation. Die Körperwährung ATP hat im Gegensatz dazu einen fixen, realen Wert. Biologische Zellen können außerdem keine „Kredite“ aufnehmen. Dieses Faktum finde ich besonders interessant, denn das heutige Bankenwesen mit dem neuen Phänomen der Negativzinsen finde ich ohnedies schon sehr verdächtig. Ökonomische Argumente kann ich dafür keine liefern. Mein Bauchgefühl wird die Banker auch nicht jucken…

Natürliche Umwelt- und Verteidigungspolitik

Und dann wäre da noch dieser unbändige Durst der Industrie- und Schwellenländer nach Energie, der unseren Planeten auspresst, und nicht nur mir allein Sorgen bereitet. Auch darauf hätten unsere Körperzellen eine Antwort. Organismen holen sich ihre Energie aus Ressourcen in ihrer Umgebung. Dazu gehören Luft, Wasser und Nährstoffe. Bis zur Evolution des Menschen lebten alle Organismen von erneuerbaren Ressourcen. Die Menschen veränderten jedoch das Gleichgewicht und die Harmonie der Biosphäre, als sie eine Zivilisation entwickelten, deren Überleben von fossilen Brennstoffen abhängt. Riesengroße ökologische Fußabdrücke sind die Konsequenz unserer Wirtschaftsweise.

Bemerkenswert im menschlichen Organismus finde ich zudem, dass Energie hauptsächlich für Wachstum und Fortpflanzung und so wenig wie möglich für Verteidigung eingesetzt wird. Wenn das Bedürfnis eines Organismus nach Schutz durch ständige Ängste und Bedrohungen überreizt wird, gehen die hohen Aufwendungen für die Schutzhaltung allmählich auf Kosten der allgemeinen Gesundheit. Die Evolution hat daher das Immunsystem so entwickelt, dass es nur in akuten Gefahren und bei tatsächlichem Krankheitsbefall zum Einsatz kommt. Die Schutzmechanismen und Verteidigungsstrategien der Körperintelligenz sind nicht auf Dauereinsatz ausgelegt, den jedoch viele Menschen im Zusammenleben für nötig erachten. Ein Umdenken würde sich wahrscheinlich lohnen.

Die Politik und darwinistisches Konkurrenzdenken

Für viele Menschen mag es stimmten, dass ihr Leben einem Existenzkampf gleichkommt. Ich möchte auch niemandem zu nahe treten. Aber ich lasse mich gerne einladen, die Evolution aus dem Winkel des Kooperationsgedankens zu betrachten. Dieser Zugang wäre auch auf der politischen Ebene eine Wohltat. In einer Welt, die an opponierende Kräfte, konkurrierende Interessen und an den „Kampf“ des Einzelnen glaubt, ist es verständlich, dass Politik zu einem Schlachtfeld der Partikularinteressen verkommen muss. Politikverdrossenheit und mediale Schlammschlachten sind vorprogrammiert, wenn sich Machthaber rein darwinistisch durchsetzen wollen und das Wohl aller aus den Augen verlieren. Ja, das Ego ist ein Luder, und wenn sich das Ego in der Politik austobt, dann er erst recht. Es hat wenig soziale Intelligenz, weniger als unser Körper. Doch das mit dem Ego, das gehört ein anderes Mal diskutiert…

 

Quellenangabe:

Bruce Lipton, Steve Bhaerman: Spontane Evolution

Bruce Lipton: Intelligente Zellen

Eva Draxler

Eva Restlos verträumte Luftschloss-Expertin, ungeerdet aber doch mit einer Hands-on Mentalität aus dem südlichen Waldviertel. Liebt, wie könnte es anders sein, Mohn in allen Variationen. Und Gedichte! Sie ist leidenschaftliche Schauspielerin, Yogalehrerin und geht am liebsten mit ihrem praktisch-romantischen Vintage-Kleid aus Brooklyn durchs Wiener Stadtleben.


« Vorheriger Beitrag

Sopha verwendet Cookies. Durch die weitere Benützung unserer Seite stimmst du dem zu. Mehr Infos

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close