Letzte Ausgabe: Arbeiten
Beziehungs-Arbeit

Beziehungs-Arbeit

Verheiratet. Vor dem Gesetz miteinander verbunden, symbolisiert durch einen gemeinsamen Namen und die Eheringe. „Persönliche und wirtschaftliche Rechte und Pflichten zwischen den Ehegatten“, wie das Gesetz sagt. So einfach ist das und doch so kompliziert – manche sagen, Beziehung sei Arbeit. Doch muss das wirklich so unromantisch sein?

 

Ehe

Am Morgen des 25. Juni wachten wir zum ersten Mal als Mann und Frau auf und begingen den ersten gemeinsamen ganzen Tag als Eheleute. Auf uns wartete der zweite „Hochzeitstag“ und eine gemütliche Hochzeitsparty mit der engen Familie und unseren Freunden. Als wir sie am Abend empfingen, rangierten zwei Smalltalk-Sprüche ganz oben auf der Hitliste: „Naaaaaaaa, Frau BRANTNER?“ (Was antwortet man darauf eigentlich?) und „Na, lauft’s noch oder lasst ihr euch scheiden?“

Der Abend verging unheimlich schnell, um fünf Uhr morgens saßen wir zu zweit auf einem Grazer Hoteldach und sahen dem Himmel beim Blauwerden zu. 24 Stunden darauf machten wir uns gerade auf zu unserer großen Hochzeitsreise in die USA.

 

Alltag

10 Tage in Amerika – ich kann sie im Nachhinein als eine der „unwirklichsten“ Zeiten meines Lebens bezeichnen. In einer völlig neuen Umgebung, die uns doch so vertraut war. Nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich getrennt von zuhause, mit einem für mich neuen gemeinsamen Namen und einem Ring am Finger. Wir nannten uns gegenseitig „hubby“ und „wifey“ und sahen uns mindestens fünf Mal am Tag unwirklich staunend an: War das wirklich passiert? Hatten wir tatsächlich geheiratet?

Viele Frischvermählte berichten von wunderbaren Flitterwochen und dem harten Aufprall im Alltag danach. Und wir bemerkten, dass nach unserer Rückkehr Smalltalk-Spruch Nummer 1 nicht mehr besonders beliebt war, die scherzhaft gemeinte Frage, ob es denn noch gut liefe, blieb jedoch.
Natürlich meint es keiner ganz ernst, wenn man ein frisch verheiratetes Paar danach fragt, ob sie denn noch verheiratet bleiben wollen. Und doch kennen wir alle Paare, bei denen es nicht funktioniert hat, ob nach wenigen Ehemonaten oder vielen Jahren. Die Scheidungsrate in Österreich liegt bei 42 Prozent.
Es liege daran, dass mit der Ankunft im Ehealltag auch die Arbeit an der Beziehung beginnen würde, heißt es. Doch was bedeutet das überhaupt?

Arbeit

Im allgemeinen Sprachgebrauch sehen wir die Arbeit als das, was wir unseren „Job“ nennen. Wir arbeiten in erster Linie, um Geld zu verdienen. Doch würde es nur darum gehen, würde niemand ehrenamtlich arbeiten, wären die Tätigkeiten einer Hausfrau keine Arbeit und hätte auch niemand Spaß an seiner Arbeit.

Das Lexikon der Ethik weiß zum Stichwort „Arbeit“ die folgende Definition: „Tätigkeit des Menschen in Abhängigkeit von Natur und natürlicher Bedürftigkeit zum Zweck der Lebensunterhaltung und -verbesserung.“ Tatsächlich verbessern wir mit Arbeit also auch unser Leben – in welcher Hinsicht auch immer. Bezogen auf unsere Beziehungen arbeiten wir also an ihnen, um sie zu verbessern.

Wenn sich in Beziehungen „der Alltag einschleicht“ oder an ihnen „gearbeitet“ werden muss, dann klingt das in erster Linie ziemlich hart und unromantisch. Erfolgreiches Zusammenleben ist unterm Strich das Ergebnis aus Kompromissen, Diskussionen, des Anpassens und Achtens von Bedürfnissen, der aktiven Entwicklung einer Partnerschaft.

Traumjob

Entscheidend finde ich persönlich jedoch, wie sich diese Arbeit gestaltet. Ist sie ein Brotjob? Machen wir sie einfach nur, um unser Leben zu verbessern und beißen Tag für Tag durch? Dann wird die Arbeit ziemlich schnell zur Frustrationsquelle. Ist sie jedoch eher wie der ehrenamtliche Job einer Pensionistin, die aus ihrer Tätigkeit Glück und Energie schöpft, dann kann es passieren, dass sich Arbeit nicht mehr wie Arbeit anfühlt, sondern eher wie eine Tätigkeit, die uns Tag für Tag unter den Nägeln brennt und die wir nie leid sind.

Der Beziehungsalltag ist es, der uns angeblich vor die größten Herausforderungen stellt. Meinem Mann und mir sind jedoch genau die alltäglichsten Zeiten miteinander die liebsten. Gemeinsam einkaufen gehen, über das Abendessen sprechen, gemeinsam vor dem Computer zu sitzen, Auto zu fahren.
Natürlich möchten wir unsere besonderen Zeiten von Urlaub bis zur Heirat nicht missen. Firmenevents und große berufliche Erfolge im Job machen meistens schließlich auch Spaß. Doch wer sich Tag für Tag ins Büro schleppen muss und das Telefon schon beim ersten Klingeln mit hasserfülltem Blick anstarrt, dessen Job ist tatsächlich harte, anstrengende Arbeit.

Ja, auch unsere Ehe braucht Beziehungsarbeit, damit sie funktioniert. Wenn wir diese Arbeit aber Tag für Tag lieben und sogar die kleinen alltäglichen Herausforderungen mit absoluter Hingabe erledigen, dann passiert es, dass sich Arbeit nicht mehr wie Arbeit anfühlt und wir unseren Traumjob gefunden haben.

P.S.: Juliane ist nicht nur Braut, sondern begleitet Hochzeiten auch mit ihrer Singstimme: „Schlicht und ergreifend“ – Hochzeitssängerin in Graz

Juliane Brantner

Juliane Leidenschaft hat für sie auch mit Leiden zu tun: Am tagesaktuellen Ausmaß ihrer Augenringe erkennt man, wie lange sie nachts ihren Vorlieben gefrönt hat. Sich Wissen anzueignen und selbst Dinge beizubringen, ist eines ihrer liebsten Hobbys. Dabei ist ihr egal, ob es um Kleinigkeiten geht oder um Wissen, das sie für ihren Beruf braucht. Ihre guilty pleasures erfüllen sie längst nicht mehr mit Schuldgefühlen. Kann sie dann noch regelmäßig auf der Bühne oder in einem Proberaum singen, ist sie einfach glücklich.


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