Letzte Ausgabe: Arbeiten
Beifuß – das Dritte Auge und die Füße stärken

Beifuß – das Dritte Auge und die Füße stärken

Die kleine Nische unterhalb des Gipfelkreuzes bietet sich als windgeschützter Rastplatz mit grandiosem Ausblick an. Jetzt bin ich weit oben, über mir nur noch blauer Himmel, um mich herum herrliche Bergformationen und unter mir die Täler in verschiedenen Grüntönen, gesprenkelt mit Siedlungen, geteilt durch Straßen und Wege, gefüllt mit Alltagsgeschichten. Mein Blick richtet sich wieder in die Höhe, in die Ferne – ich bade in Glück und Freiheit!

Beifuß sei Dank stehe ich hier am Gipfel und darf diese intensiven Eindrücke genießen. Eine spontane Eingebung ließ mich früh am Morgen Blätter des Artemisia-Gewächses in die Bergschuhe legen. Eine bekannte Kräuterbäuerin gab mir einmal den Tipp: „Mit Beifuß bist du gut zu Fuß!“ Sie hatte Recht – die ätherischen Öle, freigesetzt durch die Wärme vom Kraut, wirken belebend, durchblutungsfördernd und können eine anstrengende Tour erleichtern.

Große, alte und fast vergessene Heilpflanze

Nach einer kleinen Stärkung mit Käsebrot und Obst danke ich der Natur mit etwas „Zirbeler“ (Zirbenschnaps) und einem Juchizer! Ich hole etwas getrocknetes Beifußkraut aus meinem Rucksack und lasse es in einer Steinmulde verglimmen. Sein Aroma umschmeichelt mich, bevor der Wind die Duftmoleküle fein verteilt.

In einem angelsächsischen Neunkräutersegen aus dem 11. Jahrhundert heißt es über den Beifuß: „Una heißt du, das älteste der Kräuter; Du hast Macht gegen drei und gegen dreißig, Du hast Macht gegen Gift und Ansteckung, Du hast Macht gegen das Übel, das über das Land dahinfährt.“ Dieser seit Urzeiten hochverehrten Heilpflanze wird auch nachgesagt, dass sie das „Dritte Auge“ stärke und das Bewusstsein erweitern könne. Ich atme die Mischung aus Bergluft und Rauch des verglimmenden Krautes tief ein …

Mein Blick richtet sich auf die umliegenden Bergwesen – wie lange stehen sie schon hier, was haben sie alles erlebt? Wie haben sie die Menschen geprägt? Plötzlich tauchen Bilder vor meinem Geist auf: Ich sehe Menschen, die in die Alpen gekommen sind um hier die Lebenskraft zu spüren. Für diese Begegnungen bin ich sehr dankbar, denn durch sie habe ich wieder gelernt zu staunen, Begeisterung zu fühlen und die heilsamen Schätze der Natur bewusst wahrzunehmen.

Berg – Duft – Vision

Eine angenehme Duftbrise lässt die Erinnerung an das strahlende und zufriedene Gesicht eines betagten Bauern in seinem Olivenhain aufsteigen – er schien eins zu sein mit seinen knorrigen Bäumen und vor allem: zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Dieses großartige Gefühl habe ich auch jetzt, in tiefer Verbundenheit mit dem Himmel über mir und dem Berg, die Erde unter mir. Mit der Natur verbunden und vom eigenen Tun erfüllt zu sein wirkt auf mich wie ein großer Glücks-Baustein im Leben.

All diese Eindrücke lassen einen innigen Wunsch, eine Vision in mir entstehen: Je mehr Menschen dieses intensive Gefühl der eigenen Einbindung in die Natur und in den Lebensstrom erfahren können, umso mehr Verantwortung kann auch für all das Wunderbare und Kostbare um uns herum übernommen und Mutter Erde wieder zu einem für alle lebenswerten und heilsamen Ort werden.

Beim Abstieg im milden Licht des späten Nachmittages freue ich mich über viele intensive Sinneserfahrungen und bereits auf ein entspannendes und kräftigendes Fußbad für meine müden Beine zu Hause: natürlich mit Beifuß

Kräuterwanderung_Beifuß

Rezept-Tipp:

Beifuß-Öl (Artemisia vulgaris) zum Einreiben für müde, schwere Füße und Beine, bei Verspannungen und Muskelkater:

Frisches Beifuß-Kraut (Blätter und Blüten) klein schneiden und ein Marmeladenglas bis zur Hälfte füllen. Mit gutem Oliven- oder Sonnenblumenöl (am besten kaltgepresst, Bio) randvoll aufgießen und das verschlossene Glas ca. 4 Wochen an einem schattigen Platz stellen, ab und zu darf geschüttelt werden. Einige Rosmarinnadeln, angemörserte Wacholderbeeren und kleingeschnittene Grapefruitschalen können als Variante dazugegeben werden. Nach ca. einem Monat den Ölauszug abseihen, in dunkle Flaschen füllen und bei Bedarf (die) betroffene(n) Stellen einreiben.

 


 

Mehr Interessantes über den kraftvollen Beifuß findet man z.B. im wunderbaren Buch von Susanne Fischer-Rizzi: „Medizin der Erde“

Den Neunkräutersegen finden Sie zum Beispiel hier: http://www.jahreskreis.at/Natur_Pflanzen_Beifuss.htm

 

Martina Hofer

Martina Leidenschaftliche, verwurzelte Tirolerin, die es liebt, nachts mit Freunden am Lagerfeuer zu singen und Geschichten zu erzählen. Berge bedeuten für sie Freiheit, ihre Mythen und Wirkung auf die Menschen wecken Martinas Forschergeist. Die gut geerdete und ehrliche Lebenseinstellung aber auch die Verbundenheit mit Pflanzen und Tieren wurden ihr bereits in der Zillertaler Heimat in die Wiege gelegt, vieles davon gibt sie als Naturbotschafterin und Kräuterfachfrau entschlossen und authentisch weiter.


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