Letzte Ausgabe: Arbeiten
Augenlicht – ein Blind Date mit Patrick

Augenlicht – ein Blind Date mit Patrick

Patrick ist ein offener junger Mann und so ist er nach meiner Anfrage sofort bereit, sich mit mir zu treffen. Wir sind in einem Grazer Café verabredet und ich muss beim Warten darüber nachdenken, was für eine komische Situation so ein Blind Date ohnehin schon ist: Man weiß nicht genau, wen man gleich vor sich hat. Die klassische Rose im Knopfloch (verwendet das heutzutage überhaupt noch jemand?) zum gegenseitigen Erkennen brauchen wir jedenfalls nicht, denn ich bin es, die Patrick erkennen soll und wird – an seinem Blindenstock.

Als er zur Tür hereinkommt, gehe ich ihm entgegen und wir suchen uns ein Plätzchen. Ich stelle mich dabei wahrscheinlich so tollpatschig an wie ein Welpe, der noch nicht weiß, wo vorne und hinten ist, aber Patrick lächelt nur, lässt sich von mir zeigen, wo unser Sitzplatz ist und nimmt gemütlich Platz. Nachdem ich mit seiner dampfend heißen Tasse Tee und meinem Kaffee zum Tisch zurückkomme, starten wir unser Interview und ich lerne einen jungen Mann kennen, der offen und geduldig über sein Leben spricht, das für ihn doch ganz normal und für uns unvorstellbar ist.

Juliane: Hallo Patrick, vielen lieben Dank für deine Bereitschaft zum Gespräch! Ich habe mir schon sehr oft die Frage gestellt: Wie stellt sich das Leben für einen sehbeeinträchtigten Menschen dar? 

Patrick: (lacht) Danke für die Umschreibung, das machen nicht viele!

Juliane: Damit sind wir schon beim Thema. Wenn dich jemand als „blinder Mensch“ beschreibt, ist das unangenehm? Oder sollte man besser „sehbeeinträchtigt“ sagen?

Patrick: Nein, das ist ok, „blind“ ist für mich einfach ein Charakteristikum. Was meiner Meinung nach sehr negativ ist, ist das Wort „Sehbehinderter“, das ist sehr negativ belastet. Deshalb gefällt mir das mit der Sehbeeinträchtigung, denn den meisten von uns geht es ja trotz Blindheit sehr gut. Einschränkung ist vielleicht noch ein besseres Wort.

Juliane: Du hast diese Einschränkung ja bereits von Geburt an.

Patrick: Genau, ich bin geburtsblind, mit einem restlichen Sehvermögen für „hell-dunkel“, ich kann also sozusagen den Tag noch von der Nacht unterscheiden.

Juliane: Also, wenn du aufwachst, weißt du, ob es Nacht oder Tag ist. 

Patrick: Naja, da schau ich auf die Uhr, da brauch ich nicht aus dem Fenster zu schauen. (lacht)

Juliane: Ich habe dich ja auf YouTube „aufgespürt“: In dem Video ging es um das Kopfkino und das Vorstellungsvermögen von blinden Menschen. Für Normalsehende ist das ja kaum vorstellbar, wie Visionen und Vorstellungen im Kopf ohne ein visuelles Bild funktionieren.

Patrick: Blinde haben eigentlich ein sehr gutes Vorstellungsvermögen. Das Fernsehen ist da ein gutes Beispiel.

Juliane: Stimmt, da gibt es ja diese Audiodeskriptionen, in denen beschrieben wird, was am Bildschirm passiert.

Patrick: Genau. Mittlerweile sind zum Beispiel viele österreichische Serien im audiodeskriptiven Format verfügbar. Aber auch Tatort oder die Soko-Serie und natürlich Filme.
Bevor es diese Hörfilme gegeben hat, mussten sich die Leute nur das reine Ton- und Musikmaterial anhören und den Rest des Films selbst zusammenreimen.

Juliane: Ich habe mir auf YouTube einen Tatort als Hörfilm angesehen, da wird zum Beispiel genau beschrieben, welche Farbe der Pulli des Mannes hat … Bei diesen Audiodeskriptionen fällt auf, dass die Beschreibungen ja sehr visuell sind.

Patrick: Die sind sehr visuell und sollen einen Eindruck vermitteln von dem, was die normal sehende Person am Bildschirm erkennen kann und das ist nun mal das Visuelle. Ein Beispiel für eine gelungene Audiodeskription war etwa die Serie „Janus“ vor ein paar Jahren im ORF. Da wurde eine Person bis zu dem Punkt an der Geschichte, an der ihr Name bekannt wurde, auch in der Audiodeskription einfach als „der Große“, „die Blasse“ oder Ähnliches beschrieben. Genau so, wie es Normalsehende auch haben: Sie nehmen erst die Person wahr und erkennen sie wieder und dann erfahren sie den Namen.

Juliane: Was mich geradezu fasziniert: Wie kann man sich diese Hörfilme anschauen und dabei nicht verwirrt sein? Für mich war das sehr schwierig, mich auf die Handlung zu konzentrieren. 

Patrick: Naja, das ist schon manchmal schwierig, manchmal muss man sich eine Folge auch zwei Mal anschauen, anfangs kriegst du wirklich von der Handlung nichts mit. Aber ich glaube, als Normalsehender ist das ja schwieriger, weil das Gehirn ja auch noch die visuellen Reize verarbeiten muss. Man müsste wirklich das Bild ausblenden und sich nur auf den Ton konzentrieren.

Juliane: Stimmt, das Gehirn prüft andauernd nach, ob das stimmt, was der Sprecher sagt. Ist das wirklich eine rote Jacke, ist das wirklich eine blonde Frau?
Manche normalsehenden Personen glauben vielleicht, dass sich blinde Menschen gewisse Dinge nicht vorstellen können. Ich habe aber das Gefühl, dass sie sich viel mehr vorstellen können als Normalsehende, da sie das ja auch müssen. Sie werden mit den meisten Dingen nicht einfach konfrontiert, sondern müssen ein Bild im Kopf haben davon, was passiert. 

Patrick: Es gibt so etwas wie das Kino im Kopf. Vor unseren Augen läuft das Alltagsgeschehen wie ein Film ab, nur sehen wir das Bild dazu eben nicht. Und das Tolle an diesem Film ist, dass wir sogar interagieren können. (lacht)
Die Vorstellung im Kopf ist auch etwas, das natürlich Vorteile hat. Ich würde mir gewisse Sachen vielleicht gar nicht mehr antun, wenn ich wüsste, wie sie ausschauen. Wenn man ein Buch liest und sich dann den Film ansieht, kann man eben enttäuscht werden und vielleicht ist es manchmal gar nicht so schlecht, bei der Vorstellung zu bleiben.

Juliane: Um besser verstehen zu können, wie das Kopfkino bei blinden Menschen funktioniert: Wenn du dir einen Sessel vorstellst, stellst du dir dann seine tastbare Form vor?

Patrick: In erster Linie sehe ich den Sessel als Nutzgegenstand, denke also daran, dass ich darauf sitzen kann. Was anderes stand nie zur Debatte. (lacht)
Ich glaube, schon in der Kindheit beschränken sich blinde Kinder in ihren frühkindlichen Lernprozessen da eher aufs Wesentliche, der Sessel ist zum Sitzen da, der Tisch zum Essen oder zum Lesen oder zum Schreiben.

Juliane: Du verwendest ja Redewendungen wie „Ich sehe das so“ oder „Ich schau mir das an“.

Patrick: Genau, das sind ja ganz normale Bestandteile der deutschen Sprache. Wenn ich diese Dinge nicht verwenden würde, wäre ich sprachlich eingeschränkt und das ist ja wirklich nicht notwendig.

Juliane: Hast du das Gefühl, dass Außenstehende diese Begriffe in Gesprächen mit dir vermeiden?

Patrick: Es kann schon zu unangenehmen Situationen kommen, wenn jemand zum Beispiel in einer großen Runde Wortspiele mit „blind“ sagt oder Ähnliches. Aber ich nehme das mit Humor, das lockert die Situation ungemein auf. Ich sehe die Blindheit sowieso nicht als Behinderung oder Krankheit, sondern nehme sie einfach mit Humor, ich will nicht, dass man mich behandelt wie ein rohes Ei.

Juliane: Ich habe mal eine Situation erlebt, in der sich ein blindes Mädchen in der Straßenbahn nicht zurechtgefunden hat und die Menschen rundherum haben nur zugesehen und nicht geholfen. Ich hab mich dann überwunden und bin ganz nach vorne zu ihr gegangen, um ihr einen freien Sitzplatz zu zeigen. Ich hatte nicht das Gefühl, dass die Leute dem Mädchen nicht helfen WOLLTEN, aber sie hatten offensichtlich wahnsinnige Scheu davor, jemandem Hilfe anzubieten, der das vielleicht nicht möchte und den Menschen dann zu brüskieren. 

Patrick: Wenn ich längere Fahrten habe, bin ich schon sehr froh über einen Sitzplatz, denn als Sehbeeinträchtigter kann man gewisse Situationen einfach nicht so voraussehen und wird von starken Kurven und Bremsmanövern viel eher überrascht. Ich selbst bin aber durchaus in der Lage, mir selbst einen Sitzplatz zu organisieren.
Eine witzige Situation hatte ich einmal, als ich mit zwei ebenfalls sehbeeinträchtigten Freunden nur eine Station vom Jakominiplatz zum Hauptplatz gefahren bin. Eine ältere Dame wollte uns die ganze Station lang unbedingt freie Sitzplätze zeigen und wir haben dankend abgelehnt, weil wir ja schon fast beim Hauptplatz waren. Aber sie konnte das überhaupt nicht verstehen und hat uns als dickköpfig und starrsinnig bezeichnet und sich richtig geärgert. Sie konnte ganz offensichtlich nicht damit umgehen, dass ein blinder Mensch nicht immer Hilfe braucht.
Wenn ich aber nur ein, zwei Stationen fahre, bleibe ich natürlich gleich stehen und da kann es schon passieren, dass man einen Sitzplatz oder Hilfe ablehnt. Aber da sagt man einfach „Nein, danke!“ und da muss sich auch niemand schämen dafür, dass er mir seine Hilfe angeboten hat.

Juliane: Du hast erwähnt, dass du ein sehr spontaner Mensch bist. Ist das schwierig für dich, musst du vielleicht mehr planen als Normalsehende?

Patrick: Solange alles normal abläuft, muss ich nicht besonders viel planen. Ich bin insofern spontan, als ich die essentiell wichtigsten Dinge einplane, aber mich jetzt nicht soo strikt daran halten muss. Ich glaube, das unterscheidet sich nicht besonders vom Alltag der Nicht-Sehbeeinträchtigten. Es kann sein, dass anfangs vielleicht ein bisschen mehr Zeit draufgeht. Wenn ich eine neue Lehrveranstaltung habe, kalkuliere ich mehr Zeit, um den Hörsaal zu finden als später, wenn ich die Veranstaltung jede Woche besuchen.

Juliane: Du studierst ja Musik an der Kunstuni in Graz.

Patrick: Genau, das Hauptstudium ist Musikologie und ich mache einige zusätzliche Sachen wie zum Beispiel Chor oder Einführung in den Notensatz.

Juliane: Vor kurzem hast du deine Bachelorarbeit geschrieben. Wie funktioniert eigentlich das Arbeiten mit einem Computer für Sehbeeinträchtigte?

Patrick: Jene Leute, die „nur“ eine Seheinschränkung haben, arbeiten oft mit Lupen, Vergrößerungssystemen für den Monitor, damit die Schrift so vergrößert erscheint, dass sie gut lesbar ist. Für blinde Nutzer, die mit einem Monitor nicht interagieren können, ist es etwas schwieriger. Dafür gibt es ein besonderes Hilfsmittel, nämlich die Braillezeile. Der Bildschirmmonitor hat ein Spektrum von einer Anzahl von Zeilen, die Braillezeile kann eine einzelne Zeile darstellen. Am Ende der Zeile muss ich in die nächste Zeile weiterschalten. Die Braillezeile funktioniert so, dass die Blindenschrift über elektronisch gesteuerte Taktilmodule erzeugt wird. Ich gehe davon aus, dass bekannt ist, wie Braille aussieht. Mithilfe dieses Systems ist es also zum Beispiel möglich, Worddokumente, Computerprogramme, Internetseiten einzulesen.
Es stellt sich natürlich immer die Frage, was sich für den blinden Benutzer oder die blinde Benutzerin darstellen lässt. Grafiken scheiden schon mal aus, die können via Braillezeile nicht dargestellt werden. Anders wiederum beschriftete Grafiken, das sind zum Beispiel Bilder, bei denen im Hintergrund eine Beschreibung abgespeichert ist und so weiß man, was auf diesen Bildern zu sehen ist. Am besten funktionieren textbasierte Seiten im Gegensatz zu Seiten mit vielen Grafiken und Flash usw.

Juliane: Und schreibt man dann auf einer normalen Tastatur?

Patrick: Ja, auf der ganz normalen Tastatur. Darauf wird in der schulischen Ausbildung ganz besonders Wert gelegt, dass man das 10-Finger-System perfekt beherrscht. Das beginnt dort, wo andere Kinder mit dem Stift und der Füllfeder umzugehen lernen, da lernen sehbeeinträchtigte Kinder schon, mit der Tastatur und der Braillezeile umzugehen.

Juliane: Ich hab noch eine letzte Frage an dich: Du hast auf meine Interviewanfrage geantwortet, dass du so etwas sehr gerne machst. Nervt das aber nicht auch manchmal, dass man andauernd Fragen über sein eigenes Leben beantworten muss, das für einen selbst doch ganz normal und selbstverständlich ist? 

Patrick: Das kommt darauf an. Natürlich, in Situationen, wo man neue Leute kennenlernt, da ist es klar, da sind Fragen über Blindheit vorprogrammiert. Daran, muss ich ehrlich sagen, hab ich mich einfach mittlerweile gewöhnt, weil es zum Alltag dazugehört. Es kann aber auch Situationen geben, wo einen diese Fragen gehörig auf die Nerven gehen. Wenn du zwischen Tür und Angel gefragt wirst „Wie schaut das denn eigentlich aus? Und wie funktioniert das denn eigentlich? Ich kann mir das gar net vorstellen, wie geht das denn überhaupt?“, kann das nerven. Man sollte mich also vielleicht nicht vor meinem ersten Kaffee auf das Thema ansprechen, wenn ich wo unterwegs bin. (lacht)
Aber natürlich antworte ich gerne auf solche Fragen, wenn man Zeit hat, sich darüber zu unterhalten.

Juliane: Patrick, vielen lieben Dank für das Gespräch, es war wirklich sehr interessant und sehr aufschlussreich!

Patrick: Danke auch, mir hat es Spaß gemacht!

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Juliane Brantner

Juliane Leidenschaft hat für sie auch mit Leiden zu tun: Am tagesaktuellen Ausmaß ihrer Augenringe erkennt man, wie lange sie nachts ihren Vorlieben gefrönt hat. Sich Wissen anzueignen und selbst Dinge beizubringen, ist eines ihrer liebsten Hobbys. Dabei ist ihr egal, ob es um Kleinigkeiten geht oder um Wissen, das sie für ihren Beruf braucht. Ihre guilty pleasures erfüllen sie längst nicht mehr mit Schuldgefühlen. Kann sie dann noch regelmäßig auf der Bühne oder in einem Proberaum singen, ist sie einfach glücklich.


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